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Verstärkt an sich selber arbeiten

Keine Hütten mit Hühnerbeinen

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Die Träume des Wiktor Rjagusow

 

Reportage

 

M o s k a u -- Den Baptistenpredigern Rußlands wollte Superintendent Wiktor Semjonowitsch Rjagusow aus der Gemeinde „Preobrazhenie" (Verwandlung) in Samara an der Wolga etwas Gutes tun. „Wir machen einiges für Jugendliche, wir führen Sommerlager und geistliche Konferenzen durch und vieles mehr,“ erzählt er. „Doch für die Schulung neuer Prediger tun wir wenig.“ Deshalb hat er im Jahren 2000 eine Predigerschule eingerichtet, die bereits 150 Verkündiger in der Homiletik ausgebildet hat. Er erklärt: „Wir erwarten nicht, daß unsere Absolventen wie Charles Spurgeon predigen. Aber es ist schon viel erreicht, wenn sie besser predigen.“ Da seien bereits gewisse Erfolge zu verzeichnen.

 

Der Superintendent träumt davon, daß die Gemeinden verstärkt an sich selber arbeiten. „Wenn es nach mir ginge, würde ich unsere Bemühungen auf das innere Leben der Gemeinden konzentrieren. Ich wünschte mir eine tiefere geistliche Gemeinschaft, den Geist brüderlicher Liebe und der gegenseitigen Hilfsbereitschaft.“ Er wünscht sich ferner hervorragendes Liedgut und eine innige Anbetung.

 

Das will er an zweiter Stelle auch auf das Äußerliche übertragen: Baptistische Kapelle bräuch­ten nicht wie die Moskauer Kathedale „Christus der Erlöser“ auszusehen, aber sie sollten dennoch „attraktiv, gemütlich und bequem“ sein. „Doch da stoßen wir auf große Schwierigkei­ten,“ fügt er hinzu. „Selbst wenn es uns gelingt, ein Grundstück für den Bau einer Kirche zu erwerben, kann das Bauen sehr teuer ausfallen.“ Dafür führt er das Beispiel Dimitrowgrad im Gebiet Uljanowsk an. Dort hat die Gemeinde nur 30 Glieder; seit sieben Jahren baut sie an einer neuen Kapelle. Doch es fehlen die Geldmittel. „Deshalb versammelt sich die Gemeinde weiterhin in einem Haus, das einer Hütte mit Hühnerbeinen ähnelt. Wer würde sich freiwillig dorthin verirren? Nur übermenschliche Kräfte könnten Menschen dorthin holen.“

 

Dem Superintendenten von Samara und Uljanowsk tut es sehr weh, daß die Baptisten weiterhin als eine gesellschaftlich isolierte Marginale und Randerscheinung wahrgenommen werden. „Wir erwarten nicht, daß die Staatsmacht uns achtet. Es würde schon genügen, wenn sie uns nicht verschmäht und uns zu irgendwelchen gesellschaftlichen Aktionen mit heranziehen würde. Wenn sich die Lage jemals ändern soll, müssen wir Zugang zu den Massenmedien bekom­men.“

 

Auch in den Beziehungen zur Orthodoxie verlangt er nicht das Blaue vom Himmel. Es gehe nicht darum, daß wir einander die Dogmatik verändern. „Ich bin überzeugt, daß bei weitem nicht alle Menschen in unserem Lande Baptisten werden wollen. Ihnen sagt die orthodoxe Liturgie und deren Hervorhebung des Geheimnisvollen mehr zu. Aber einige wollen durchaus Baptisten sein – sie mögen die strengen Forderungen an sich selber und die Bindung an Gottes Wort. Deshalb ist die Existenz beider Kirchen berechtigt. Wir wollen nur als Christen akzeptiert werden. Wir wollen eine friedliche und vernünftige Zusammenarbeit. Wir sollten einander zumindest nicht verleumden und uns gemeinsam an humanitären Aufgaben beteiligen.“

 

Er ist ferner überzeugt: „Hätte die Mehrheitskirche in Demut Toleranz gelten lassen, hätte das  ihre gesellschaftliche Autorität nur gestärkt. Das hätte ihr längst nicht so viele Gemeindeglieder gekostet. Aber sie sagt: `Nur wir haben recht, alle anderen sind Sektierer.´ So tritt sie in der Rolle des Kirchenverfolgers auf, und das steht ihr sehr, sehr schlecht an.“

 

Baptisten in Rußland und USA

Die evangelikale Bewegung Nordamerikas ist wegen ihrer Zersplitterungen bekannt. Deshalb sei es laut Wiktor Rjagusow unmöglich, „gleichzeitig an allen theologischen Schulen festzuhalten“. Es gelte, das anzunehmen, was sich im eigenen Kontext anwenden läßt. Dabei dürfe nicht vergessen werden, „daß wir in Rußland unter den Bedingungen einer staatlich-orthodoxen Religion leben. In den Medien kommen wir nur als Sektierer vor, und die Baptisten werden schwarz-weiß mit allen anderen Kirchen und Sekten in einen Topf geworfen. Leute haben sogar Angst, der Gesundheitsversorgung und Wohnung entzogen zu bekommen, wenn sie sich den Baptisten anschließen.“ Er fährt fort: „Die Massenevangelisation funktioniert nicht mehr. Ich denke, daß die Zeit persönlicher Evangelisation zurückgekehrt ist. Davon lebten wir in der Sowjetära.“

 

Für die nach Nordamerika ausgewanderten Russen wirbt er um Verständnis und Geduld. Er erläutert: „In Amerika sind die Emigranten um die Erhaltung ihrer Identität bemüht. Die Kleidung, die Predigt, die gottesdienstliche Ordnung, sie sollen so erhalten bleiben, wie sie in der UdSSR waren. Sie haben Angst, die eigene Jugend könnte die amerikanische Art anneh­men und wollen sie davor schützen. Doch spätestens in der dritten und vierten Generation tritt dieser Wandel sowieso ein. Wir müssen den Gemeinden Zeit lassen – etwas mit Druck verändern zu wollen, würde sie spalten. Nach und nach wird aus den russischen Kirchen mit einem modernen, amerikanischen Inhalt.“

 

Biographie

Unter dem Einfluß frommer Eltern und des begnadeten Predigers Juri Gratschew kam Viktor Rjagusow 1967 mit 16 Jahren zum Glauben. Nachdem ihm der Staat die Fortsetzung seines Medizinstudiums untersagt hatte, wurde er 1980 zum Pastor der Gemeinde Kubischew­ski (heute Samara) gewählt – sie zählt heute 800 Mitglieder. Zwölf Jahre später wurde er Superintendent für die Gebiete Samara und Uljanowsk; dort übersieht er heute 30 Ortsgemeinden und Gruppen mit insgesamt 3.000 Gemeindebesuchern.

 

Im Januar 2002 ereignete sich eine große Seltenheit: Er erhielt als Baptistenpastor den Freundschaftsorden des russischen Staates für seine Verdienste um die „Verstärkung der Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen den Völkern“.

 

Neben seine zwei Brüdern hat er eine Schwester, die in Kalifornien lebt. Dort auch liegt ihre Mutter begraben. Pastor Rjagusow ist seit 1980 mit Walentina verheiratet. Das Paar hat vier Kinder.

 

Dr. William Yoder

Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB

Moskau, den 20. Dezember 2007

 

Eine Veröffentlichung der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 07-56, 845 Wörter.

 

Anmerkung von Januar 2021: Der ältere Bruder von Wiktor, Wladimir Rjagusow (geb. 1950), war faktischer Leiter der "Evangelischen Allianz" Rußlands von ihrer Gründung im Jahre 2003 bis 2013. In dem Jahr erlitt er einen gravierenden, lebensverändernden Schlaganfall. Heute wohnt Wladimir gemeinsam mit seiner Familie in Seattle, Bundesstaat Washington.