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Malkhaz Songulashvili wieder in Georgien

Baptisten ohne Stallgeruch

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Erzbischof Songulashvili kehrt nach Georgien zurück

 

Anmerkung: Die englische Fassung dieses Aufsatzes ist erst am 14. Juni 2013 erschienen, die russische Fassung am 11. Dezember 2012. Alle drei Artikel befinden sich auf dieser Webseite.

 

Reportage

 

M o s k a u – Weihrauch steigt auf in der weltbekannten, baptistischen “Friedenskathedrale” der Stadt Tbilisi. Im Gottesdienst werden alle fünf Sinne beansprucht: Geistliche in schwarzen Roben, eine gesungene Liturgie, Kerzen, Glocken, eine getragene Musik und sich kreuzende Gläubige. Ganz nach orthodoxer Tradition verfügt die “Evangelische Baptistenkirche Georgiens” (EBCG) über eine Schule für Ikonenmalerei und ein Seminar. An bestimmten Feiertagen werden Pilgerfahrten und auch Prozessionen zwischen Kirchen verschiedener Denominationen durchgeführt.

 

Malkhaz Songulashvili, der 1963 geborene Erzbischof der EBCG, ist nach oben hin angebunden. Seiner Trauung auf einem Berggipfel im Juni 2008 wohnten nicht weniger als 600 Orthodoxe, Katholiken, Anglikaner, Armenische Apostolen, Juden, Muslime, Atheisten und Baptisten aus 14 Ländern bei – dazu gehörten auch hohe Kirchenvertreter. Mit Speis und Tanz ging das unvergeßliche Ereignis zu Ende.

 

Die winzige EBCG hat sich auf die georgische Landkarte (Bevölkerung 4.470.000) gehievt. Konstantine Gabashvili, der georgische Botschafter in Italien, sagte einmal: “Wie wissen von keiner anderen Kirche oder Konfession, die sich dermaßen stark am öffentlichen Leben beteiligt hätte.“ Seit dem Auszug der georgischen Orthodoxie aus dem „Weltrat der Kirchen“ und der „Konferenz Europäischer Kirchen“ im Jahre 1997 sind die Baptisten zum größten georgischen Partner der ökumenischen Weltbewegung avanciert. Der Erzbischof beschrieb die Alternativen als „eine baptistische Kirche für Baptisten oder eine baptistische Kirche für Georgier“ zu sein.

 

Songulashvili hat sich um eine Anerkennung seitens der muslimischen Bevölkerung bemüht. Nach Erscheinung einer neuen Koran-Fassung 2006 dankte er Gott bei einem Gottesdienst in der Friedenskathedrale dafür. Der georgische Imam Wagif versicherte: “Ich kann mir keine andere Kirche und keinen anderen Bischof der Welt vorstellen, die dermaßen herzlich und achtungsvoll auf Muslime zugehen.“ Ein tschetschenischer Imam versprach: „Wenn ich nach Grosny zurückkehre, werde ich eine neue Moschee bauen, denn unsere ist von den Russen zerstört worden. Dabei werde ich auch eine Baptistenkirche bauen lassen, denn sie waren die einzigen, die zu uns in unserer Not standen.“ Der Erzbischof träumt tatsächlich von einer Utopie, in der sich Christen und Muslime gegenseitig helfen, Gotteshäuser der jeweils anderen Religion zu errichten.

 

Die erzbischöflichen Erfolge unter radikalen Orthodoxen können sich ebenfalls sehen lassen. Nach einer Serie gewalttätiger Straftaten, die sich über fünf Jahre erstreckten, wurde Basil Mkalavishvili, ein amtsenthobener orthodoxer Priester, 2005 verhaftet. Zu seinen Missetaten zählte das Abfackeln eines Hauses, in dem 17.000 zu Baptisten gehörende Bibeln lagerten. Beim Prozeß gegen Mkalavishvili und mehrere Anhänger ging der Erzbischof auf ihren Käfig zu und verzieh ihnen ihre Übertretungen. Als Wiedergutmachung verlangte der Baptist lediglich „den Rotwein, den wir anläßlich ihrer Entlassung austrinken werden“. Der überwältigte Ex-Priester erwiderte mit Ikonen und Kuchen, die er in die Baptistenzentrale entsenden ließ. Nachdem der Priester zu sechs Jahren Haft verurteilt worden war, schrieb der Erzbischof: „in der Vergangenheit haben wir für Mkalavishvilis Verhaftung gebetet. Jetzt beten wir um seine Entlassung.“

 

Songulashvili hat sich bemüht, die Sackgasse in den Beziehungen zwischen Evangelikalen und Orthodoxen zu durchbrechen. Historisch werden die Baptisten Osteuropas als fünfte Kolonne, als eine westlich-inspirierte und –gesponserte Randerscheinung angesehen, die darauf aus sei, Orthodoxe in Baptisten umzumodeln. Häufig haben Baptisten Orthodoxe für Nichtchristen gehalten; im Gegenzug haben sie Baptisten als Sektierer gegeißelt. Nun will der Erzbischof die Keule beiseite legen und den Orthodoxen auf halbem Wege entgegentreten.

 

Das erzbischöfliche Missionsverständnis ließe sich als achtungsvoll und behutsam beschreiben. Er hat wiederholt den Ansatz humanitärer Hilfe zu Evangelisationszwecken kritisiert. Unter Muslimen „muß das Schlüsselwort Freundschaft heißen. Wir tun unsere Liebe und Freundschaft kund – den Rest überlassen wir Gott. Das ist schließlich auch sein Geschäft.“ Er betont vor allem die eigene Bekehrung. „Unser Verständnis von der Bekehrung als einmaliges Ereignis ist hochgradig falsch – wir müssen tagtäglich neu zu Gott und seiner Liebe bekehrt werden.“

 

Während Begegnungen im buddhistischen Kloster „Pathgate“ bei New Castle/England im November 2011 forderte er dessen Mitglieder dazu auf, „die Bequemlichkeitsgrenze zu überschreiten und sich um die erweiterte menschliche Familie, nicht nur um jene, die einer bestimmten Religion oder einem bestimmten Volk angehören, zu kümmern“. In Bezug auf die Buddhisten meinte er ferner: „Wir fühlen uns verpflichtet, freundschaftliche Beziehungen mit Menschen jeglicher religiöser Herkunft aufzubauen.“

 

Die Kontextualisierung

Die Kontextualisierung ist dem evangelikalen und ökumenischen Mainstream des Westens wichtig - und Songulashvili ist ein Ausdruck dieser Hoffnungen. Reid Trulson aus Pennsylvania, Direktor Internationaler Dienste für die “American Baptist Church” (ABC), schrieb kürzlich: die georgischen Baptisten „haben kapiert, daß Nachbarn das Evangelium am klarsten hören und begreifen werden, wenn es in der heimischen Kultur gekleidet ist. Unnötige Hürden entstehen wenn der örtliche Gottesdienst und dessen Praktiken als ausländisch empfunden werden. Wenn sich Georgier von der Kirche abwenden, sollte das wegen des Ärgernisses des Kreuzes geschehen, nicht wegen des Ärgernisses einer fremden Kultur.“

 

Der ABC-Theologe John Sundquist behauptete schlicht: „Ich kenne in der ganze Welt keine baptistische Union, die den Kontext ihres Dienstes genialer und machtvoller interpretiert hätte als die Evangelische Baptistenkirche Georgiens.“ Andere Befürworter gebrauchen Adjektive wie „faszinierend“ und „unglaublich ermutigend“.

 

Sowohl Anhänger wie Gegner habe diese Kirche als „reformiert-orthodox“ etikettiert. Es wäre jedoch verfehlt, die EBCG als Anhängsel der georgischen Orthodoxie zu beschreiben. Wie die baptistischen Kirchen in Lettland, Indien und Afrika beschreiben sich die Georgier als eine bischöfliche Kirche – und keine Union. Sie wird von einem Erzbischof und drei Bischöfen angeführt – allerdings ist einer der drei Bischöfe eine Frau. Frauenordination und liturgischer Tanz sind zwei Praktiken, bei denen die EBCG eindeutig von der orthodoxen Lehre abweicht.

 

Songulashvili beschreibt das Verhältnis als kritisch-solidarisch: “Wir kritisieren sie wegen Korruption und der Förderung eines religiösen Nationalismus.“ Eindeutig baptistisch ist die Betonung von Konfessions- und Gewissensfreiheit seitens der EBCG. Sie hat das Patriarchat scharf kritisiert wegen seines Bestehens auf bevorzugte Behandlung und dessen Gegenwehr gegen die Rückgabe von historisch katholischen, armenisch-apostolischen und muslimischen Liegenschaften. Das baptistische Oberhaupt erläutert: „Wir stehen zu den Prinzipien der Radikalen Reformation – doch das orthodoxe Erbe dürfen wir auch nicht übersehen.“ Seine Kirche habe die Schätze der orthodoxen Tradition „entdeckt“ und in die baptistische Glaubenspraxis übernommen. Sie praktiziert die Glaubenstaufe und will in theologischer Hinsicht baptistisch bleiben – doch kulturell will sie zu Georgien und der Orthodoxie halten.

 

Der Erzbischof beschreibt die Reaktion der Orthodoxie als “geschmeichelt aber gleichzeitig enttäuscht”. Sie fühle sich geschmeichelt, da sich Baptisten als Emissäre georgischer Spiritualität und Kultur im Westen exponiert hätten. Sie seien gleichzeitig enttäuscht, daß sich diese Baptisten nicht erneut dem orthodoxen Lager angeschlossen hätten. In dem Maße, in dem die georgische Mehrheitskirche die konfessionelle Neutralität des Staates zu respektieren beginnt, könnte das Verhältnis zwischen Baptisten und Orthodoxen zu einer Zweibahnstraße entwickeln. Die EBCG bleibt auf jeden Fall eine bedeutende Stimme der religiösen Toleranz in einer durchaus intoleranten Gesellschaft.

 

Das Scheiden der Geister

Malkhaz Songulashvili ist eine attraktive und charismatische Leitungsperson. Ein unkonventioneller, bärtiger, weintrinkender und hochgebildeter baptistischer Hierarch weckt im Westen mehr Neugierde als ein spröder Laientheologe mit Schlips und Anzug. Das trifft auch in Georgien zu. Obwohl seit Beginn der zeitweiligen Abwesenheit des Erzbischofs 2008 die Scharen der Jugendlichen in der Friedenskathedrale abgenommen haben, wollen manche Beobachter deren Wiederkehr keineswegs ausschließen.

 

Zahlen schwanken erheblich. Zweifler behaupten, die Kirche habe nicht mehr als 2.000 erwachsene Mitglieder; Anhänger berichten von 4-5.000 Mitgliedern in 60 Ortsgemeinden. Songulashvili beziffert die gesamte Gemeinschaft auf 17.000 Personen einschließlich Kinder und aktiver Nichtmitglieder. Er versichert: „Unsere Kirche wächst langsam aber beständig. Doch das Wachstum äußert sich vor allem durch einen tieferen Glauben und verstärkten Einfluß auf die georgische Gesellschaft. Unsere Kirche hat damit aufgehört, sich mit Zahlen verrückt machen zu lassen.“

 

Leider ist die Aufgabe der Versöhnung innerhalb Georgiens noch längst nicht abgeschlossen. Die Bewegung der EBCG in Richtung des evangelikalen und ökumenischen Mainstreams im Westen hat sie von den slawischen Unionen der ehemaligen UdSSR abgekoppelt. Innerhalb Georgiens hat sich die Kirche gespalten. Im Jahre 1997 brach Levan Akhalmosulishvili, ein Chirurg und Pastor in Gurjaani, mit der EBCG. Drei Jahre zuvor war er gemeinsam mit Songulashvili vom damaligen Generalsekretär der „Europäischen Baptistischen Föderation“ (EBF), Karl Heinz Walter, ordiniert worden. Bis zum Bruch diente der Arzt als Generalsekretär der EBCG. Brian Wolf, ein Missionar aus Florida und Schwiegersohn von Akhalmosulishvili, sieht die Divergenz vor allem in der Überzeugung seines Schwiegervaters, daß „orthodoxe Formen die baptistische Theologie immer übertrumpfen werden“. Orthodoxe bilden 82% der georgischen Gesellschaft. Wolf meint, Songulashvili habe die Baptisten „auf einen Weg geführt, der von Bedrohung, Verfehlungen, Verirrung und fruchtlosem Evangelisieren gekennzeichnet ist“. Eine Debatte, die sich kürzlich ereignete, drehte sich um die Frage, ob der Erzbischof in der Gegenwart von Ikonen beten darf. Seine Anhänger wehrten sich mit dem Hinweis, er würde „umgeben von Ikonen beten – sie aber nicht anbeten“.

 

Akhalmosulishvili gründete eine zweite Union bzw. Kirche im Jahre 2004. Seine „Evangelisch-Baptistische Assoziation Georgiens“ mit ihren 30 Gemeinden und 600-800 getauften Mitgliedern will vom 25. bis 27. Oktober in Tbilisi ihre Entstehung offiziell feiern. Die Moskauer „Euro-Asiatische Föderation von Unionen der Evangeliumschristen-Baptisten“ hat diese Gruppe bereits als Mitglied aufgenommen. Die von Aussiedlern geführte Mission „Friedensbote“ und die aus Illinois stammende „Slavic Gospel Association” (SGA) sorgen für den finanziellen Nachschub. Somit fassen alle drei Organisationen Fuß in einem Lande, das ihnen bereits abhanden gekommen war.

 

Für Professor Sundquist war der Bruch unvermeidlich: „Die Baptisten in Ost- und Mitteleuropa verfügen nicht über ein Maß an Flexibilität, das einen Umgang mit den georgischen Baptisten möglich gemacht hätte. Die Prager EBF, ein Förderer Songulashvilis in den 90er Jahren, will nun mit beiden Kirchen Umgang pflegen.

 

Auf politischem Gebiet hat Malkhaz Songulashvili die „bunten“, pro-westlichen Revolutionen in Georgien, der Ukraine und Belarus unterstützt. Im März 2006 ist er ohne den Segen der baptistischen Führung in Minsk erschienen. Nach dreitägigem Arrest wurde er wieder abgeschoben. Die baptistischen Unionsführungen Osteuropas bestehen weiterhin darauf, daß die brenzligen politischen Fragen hinter geschlossenen Türen abgehandelt werden. Im April 2011 erhielt er aus der Hand von Filaret, dem Patriarchen der “Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats”, den wohl höchsten Orden, den eine orthodoxe Kirche jemals einem Baptisten verliehen hätte. Doch diese junge orthodoxe Kirche lebt in Unfrieden mit der 150.000.000-Mitglieder starken „Russisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats“. Diese evangelisch-orthodoxe Verständigung kann deshalb nur eine partielle sein.

Der moralische und politische Kodex, den Songulashvili vertritt, macht sich für demokratische Wahlen und die Menschenrechte des Individuums stark. Wirtschaftliche und strategische Fragen bleiben außen vor. Daraus ergibt es sich, daß er in seiner Person der politischen Aufspaltung Europas widerspiegelt. Georgien hat sich dem mit Rußland liierten Osteuropa entsagt und sich dem Westen angeschlossen – die EBCG ebenfalls. Mit pro-westlichen evangelikal-evangelischen und orthodoxen Organisationen hat seine Kirche Fortschritte erzielt; belastete Beziehungen zur russischen Orthodoxie und zu pro-westlichen Fundamentalisten und konservativen Evangelikalen in Ost und West bleiben bestehen.

 

Derartige Schwächen räumt der Erzbischof ein; „Es könnte zutreffen, daß wir in formal-politischer Hinsicht weniger stark mit den osteuropäischen Kirchen verbunden sind als mit anderen. Doch das ist nicht unsere Absicht.“ Er fügt hinzu: „Ich möchte glauben, es komme die Zeit, in der die Baptisten Georgiens gemeinsam mit den anderen Baptisten Osteuropas ihren Glauben bezeugen werden. Doch das geschieht erst wenn die kommende Generation auf den Plan tritt. Wir warten ungeduldig und sehnsüchtig auf jenen Zeitpunkt.“

 

Seit seiner Eheschließung befindet sich Malkhaz Songulashvili meistens außerhalb Georgiens: Er promoviert am britischen “Oxford Centre for Mission Studies” beim baptistischen Theologen Paul Fiddes. Doch noch vor Jahresende will er endgültig nach Georgien zurückkehren. Die georgische Gesellschaft wäre gut beraten, auf weitere Überraschungen gefaßt zu sein.

 

Dr.phil. William Yoder

20. August 2012

 

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