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Die Protestanten Kubas erleben den Aufschwung

"Unsere `Kubanitaet' ist in Gefahr

 

Nur das Mobiliar - nicht der Habitus - der Grenzbeamten am Jose-Marti-Flughafen in Havanna erinnert noch an die verblichene DDR.  Nicht alle Oldtimer auf den Straßen Havannas stammen aus der Nachkriegsproduktion des großen benachbarten Onkels: Abgeholt wurde unsere Delegation von einem Gefährt der Marke Barkas.  Bei der Haushaltsauflösung der DDR-Botschaft war die methodistische Kirche Kubas eben empfangswillig zur Stelle gewesen.

 

Nach der Rede Castros zum Jahrestag am 26. Juli hatte sich ein "halber Währungswechsel" vollzogen: Seitdem werden fast nur noch die Gehälter in Peso ausgezahlt.  Die Hatz nach dem Dollar ist allgegenwärtig; der Schwarzmarktpreis eines Dollars beträgt eben 70-80 Pesos.  Ein Durchschnittsverdienst liegt bei 200 Pesos im Monat.

 

Verfechter der Revolution versichern, es verhungere in Kuba niemand.  Doch mehrmals wurde ich aufgefordert, ein älteres Ausweisfoto mit dem leibhaftigen Profil des abgebildeten Kubaners zu vergleichen.  Die wirtschaftliche Not hat ferner das der Welt älteste Gewerbe in voller Blüte zurückgeholt.  In der altehrwürdigen Kathedrale zu Havanna wurde ein Kollege von zwei unerbittlichen Damen bis zum Altar verfolgt.

 

Wenn ich in dienstlicher Mission den Kugelschreiber zuckte, wollten meine Gesprächspartner ihn auch gleich als Geschenk mitnehmen.  Weder Schreibzeug noch Papier sind vorhanden: Die letzte Nummer der methodistischen Kirchenzeitung trägt das Datum "Juli-September 1992".

 

Dank ausländischer Verbindungen geht es den Kirchen jedoch nicht so schlecht wie dem gemeinen Volk.  Ein anglikanischer Pastor aus Matanzas erzählte von seinen Gewissensbissen am Abend zuvor: Da der Krankenwagen in seinem Stadtteil über keine Reifen verfügte, mußte eine brandverletzte Frau stundenlang auf die Beförderung ins Krankenhaus warten.  Doch diesem Pastor stand das Auto für die Fahrt zur Bibelstunde parat.

 

Der Niedergang der kubanischen Wirtschaft hat dem Aufstieg der Protestanten nur genutzt.  Das ideologische Vakuum ist bereits Wirklichkeit; die Kirche ist wie nie zuvor in Mode gekommen. Junge Menschen bar jeglicher christlicher Herkunft schließen sich in Scharen den protestantischen Kirchen an; schon heute wähnen nicht wenige Evangelikale die Wiederkehr der Apostelgeschichte.  An einem Montagabend besuchten 200 Jugendliche einen Gottesdienst in Havanna-Marianao.  Diese Gemeinde hat im laufenden Jahr 150 Neuzugänge; 80% der Neuaufgenommenen sind weniger als 20 Jahre alt.  "Vor fünf Jahren kamen nur die Alten hierher," versicherte ein Besucher.

 

In der Methodistenkirche, in der Jesse Jackson und Fidel Castro 1984 ihr historisches Treffen abhielten, kamen an einem Mittwochabend 150 Teenager zur Glaubensunterweisung zusammen.  In der Methodistengemeinde zu Guanabacoa stammen nur zwei oder drei der 80 Jugendlichen aus einem christlichen Zuhause.  Im Jahre 1968 hatten die Methodisten mit 3.000 Gliedern ihren Tiefpunkt erreicht; heute erfreuen sie sich mindestens 30.000 Glieder.  Allerdings nehmen die Pfingstler und Baptisten noch stärker zu.

 

Dem Spritmangel ist nicht zuletzt die rasante Zunahme an Hausgemeinden zu verdanken; sie zählen mittlerweile mehrere tausend.  Eine Hausgemeinde kann von einer Handvoll bis zu 150 Personen umfassen.  Da diese Kirchen heute eine ausschließlich einheimische Führung mit massiver Laienbeteiligung haben, wird der kubanische Protestantismus verschiedentlich für den schlagkräftigsten in Lateinamerika überhaupt gehalten.

 

Jedoch profitieren nicht alle Kirchen einhellig vom geistlichen Aufschwung: Die Presbyterianer und Anglikaner verzeichnen nur geringe Zuwächse.  Das Schlußlicht machen jedoch die Lutheraner: Auf drei gegnerische Denominationen verteilt, kommen sie kaum über 300 Mitglieder hinaus.  Die Lutheraner sind außerstande, enttäuschten Katholiken eine Heimat zu bieten; nur in Miami scheint das kubanische Luthertum zu florieren.

 

Humberto Fuentes, Rektor des ökumenischen Seminars in Matanzas, berichtete von einer empfindlichen Lücke beim Kirchgang: Die Eltern der heutigen Jugend sind selten präsent.  "In den sechziger Jahren sind die Pastoren en masse ausgewandert," erklärte er.  "Deshalb fehlt uns heute die Jugend von damals."

 

Doch der neue kubanische Protestantismus ist nicht nur jung, er ist auch zutiefst charismatisch.  Die Methodisten rechnen damit, daß inzwischen 80-85% ihrer Mitglieder charismatischer Überzeugung sei.  Die Jugend Kubas weist ein einmaliges Selbstbewußtsein auf: In einem Gottesdienst in Marianao "erschlug" ein rund achtzehnjähriges Mädchen einen sechzehnjährigen Jungen mit dem Heiligen Geist (d.h., er fiel nach nordamerikanischem Vorbild "vom Geiste erfüllt" nach hinten um).

 

Inzwischen haben die Nachwellen dieser theologischen Erschütterung das ökumenische Seminar in Matanzas erreicht.  Obgleich die überwältigende Mehrheit der 43 Studenten charismatische Auffassungen vertritt, beharrt die Lehrerschaft auf altem Pfade.  Für die Studenten sprechen allemal die Zahlen: Vor zehn Jahren entging dem Seminar nur knapp der Garaus.  Damals hatte es wiederholt nicht mehr als zwei Studenten.  Da die Charismatiker meinen, die Rezepte für das erfolgreiche Gemeindeleben geortet zu haben, sind Spannungen vorprogrammiert.  Eine nichtcharismatische Studentin gestand: "Nach außen hin sind alle unheimlich nett zueinander, doch die eigentlichen tieferliegenden Fragen sind längst nicht gelöst."

 

Nichtsdestotrotz rechnen die Verfechter einer kubanischen Befreiungstheologie mit einschneidenden Veränderungen.  Dr. Reinerio Arce, ein frischgebackener Absolvent der theologischen Fakultät zu Tübingen und Sohn des profiliertesten kubanischen Befreiungstheologen, Sergio Arce, räumte ein, daß "die gesellschaftliche Wirklichkeit komplizierter sei als die Befreiungstheologen es gedacht hätten.  Wir haben die Fragen von Rasse und Geschlecht übersehen und die Tatsache verkannt, daß die Armen nicht homogen seien.  Wir haben eine europäische Doktrin fast automatisch übernommen und dabei die lateinamerikanische Geschichte vernachlässigt.  Es wird alles neu durchdacht werden müssen.  Wir werden uns viel stärker auf Jose Marti und viel weniger auf Karl Marx verlassen müssen."

 

Reinerio Arce, ein reformierter Professor in Matanzas, geht davon aus, daß das vielverschmähte Glaubensbekenntnis seiner Kirche von 1977 durch ein neues Bekenntnis ersetzt werden wird.  Laut Reinerio hatte jenes Bekenntnis, im wesentlichen das Werk seines Vaters, "an einer überaus optimischen Anthropologie gelitten.  Dessen Sündenlehre geht nicht weit genug: Es greift die strukturelle Sünde auf, übergeht jedoch die Schuld des einzelnen."

 

"Wir bedürfen einer neuen Synthese mit der charismatischen Bewegung," konstatierte Reinerio.  "Unsere `Kubanität' ist in Gefahr.  Wir müssen eine neue Theologie entwickeln, die auf unsere Kultur, Gesellschaft und Geschichte abgestimmt ist."

 

Rektor Fuentes vermutet im Gefolge der charismatischen Erneuerung einen Angriff auf die kubanischen Souveränität.  "Nach erheblichen Anstrengungen war es uns gelungen, von den Nordamerikanern und Europäern als gleichwertige Partner angesehen zu werden," behauptete Fuentes.  "Wir wurden schließlich zu Partnern - doch wird sich das in Zukunft halten?  Wir hatten unsere Minderwertigkeitsgefühle überwunden, doch nun befürchte ich, daß sie wiederkehren werden."

 

Andere politisch linke Christen kehren den Spieß um und behaupten, daß ausgerechnet die charismatische Bewegung ein Ausdruck kubanischer Eigenständigkeit sei.  Mit Berufung auf deren soziale Komponenten insistierte der baptistische Pastor Raul Suarez, "Die hiesige charismatische Bewegung ist völlig anders als überall sonst in Lateinamerika."

 

Der methodistische Bischof Joel Ajo, der um die Schlichtung der Flügelkämpfe zwischen Charismatikern und Nichtcharismatikern bemüht ist, machte die gewagte Behauptung, diese Bewegung sei "eine Absage an den steifen Glauben, den die Missionare uns gebracht haben.  Sehr lange waren wir mit dem Stil und den Formen Wesleys behaftet."

 

Mit einem dramatischen Pastoralbrief, der am 19. September von allen Kanzeln verlesen worden ist, sorgten Ajo und seine Kirche für Schlagzeilen in Miami.  Der Brief ist u.a. ein Sündenregister der gegenwärtigen kubanischen Gesellschaft: steigende Verbrechensraten, Sittenverfall, ökonomische Verzweiflung und die Horden junger Frauen, die sich an ausländische Touristen zu verkaufen trachten.  Er protestiert ferner gegen die staatliche Unterstützung der heidnischen afro-kubanischen Santeria-Kult.  "Der Satanismus hat den Rang von `Folklore' erreicht," lamentiert der Brief.

 

Die Protestanten begreifen sich zunehmend als Anwälte der Schwachen gegenüber einer einst auf Egalität getrimmten Regierung.  Rinaldo Hernandez, ein Superintendent der methodischen Kirche, versicherte: "Uns fehlt heute die Gerechtigkeit, und darüber predige ich auch.  Wir können am Markt nicht das ersteigern, was wir zum Überleben brauchen, da uns die passende Währung fehlt."            Der Pastoralbrief fährt fort: "Ein soziales Gefälle ist entstanden, deren Ausmaße wir nie wieder in Kuba zu sehen gewünscht hätten."

 

In den letzten Wochen machte Bischof Ajo Rückzieher mit der Behauptung, die Veröffentlichung des Pastoralbriefes sei "nie beabsichtigt gewesen.  Wir können ja mit niemandem liiert sein, der die Blockade Kubas gutheißt.  Jeden Tag richtet sich diese Blockade gegen unsere Kinder, unsere Alten und Kranken."

 

Der Pastoralbrief hatte auch die USA ins Visier genommen: "Die USA machen sich der Doppelmoral schuldig wenn sie denen Besuchsvisas verwehren, die nur ihre Familien besuchen wollen, jedoch sofort jene als Helden feiert, die illegal ausreisen, auch wenn sie dabei das eigene Leben und das Leben anderer - einschließlich Kinder - aufs Spiel gesetzt haben."  Nicht nur Parteiangehörige weisen darauf hin, daß auch die Einwanderungspolitik der USA die Fluchtwilligen aufs Meer treibt: Ohne das nasse politische Bekenntnis gibt es eben selten Einlaß in das gelobte, verbarrikadierte Land.

 

Obgleich die Hilfssendungen der ausländischen Kirchen der traditionellen Reserve doktrinärer Marxisten stark zugesetzt hat, gehört die Unterdrückung der christlichen Kirchen nicht gänzlich der Vergangenheit an.  Pastor Hernandez erwiderte: "Ich merke nicht, daß der Staat uns die Hand entgegenstreckt.  Es besteht eine offizielle sowie eine inoffizielle Politik.  Mittlerweile gibt es Parteimitglieder in meiner Gemeinde, doch nun werden sie unter Druck gesetzt, auszutreten.  Fidel und andere hochgestellte Persönlichkeiten haben ihre Offenheit gegenüber der Kirche zum Ausdruck gebracht, doch die ausführenden Organe sind nicht offen."  Bisher ist in der Tat sehr wenig Eigentum an die Kirchen zurückgegeben worden.

 

Gefragt weshalb er sich an einem Staat beteilige, der offenkundig im Abtauchen begriffen sei, wies der Volkskammerdelegierte Suarez jeden Vergleich mit dem Präzedenzfall DDR zurück.  "Welche andere Alternative stünde uns als Volk zur Verfügung?" fragte der kleingewachsene Gottesmann zurück.  "In Lateinamerika hat der Kapitalismus schmählich versagt.  Nun haben wir erstmals in der kubanischen Geschichte die Möglichkeit, einen authentisch kubanischen Weg ohne jegliche ausländische Einmischung zu beschreiten.  Das gefällt mir, und deshalb mache ich mit.  Die geringsten Schäden sind von dem Fall zu erwarten, daß der jetzige Staat am Ruder bleibt und die notwendigen politischen und ökonomischen Änderungen durchführt.  Mit dem System des politischen Terrors, das in Miami haust und nicht das Ausmaß an Demokratie duldet, das wir hier genießen, haben wir nichts am Hut."

 

Gunter Koschwitz, ein deutscher Entwicklungshelfer beim Ökumenischen Rat in Havanna, druckte die Absage an osteuropäische Vorbilder besonders drastisch aus: "Entweder kommt der dritte Weg nach Kuba, oder es kommt ein großes Blutbad."

 

William Yoder

Evanston, den 20. November 1993

 

Verfaßt für das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt, 1.570 Wörter