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Gute Erfahrungen im Gebiet Kaliningrad

Ankurbelung der russischen Wirtschaft misslungen

 

Kürzlich kam ich dahinter, dass der Ehemann einer Kollegin bei mir an der privaten „Internationalen Universität“ in Kaliningrad/Königsberg Fotograf sei. Da ich ohnehin einmal wieder ein Porträt anfertigen wollte, meldete ich mich bei ihm an. Doch danach stellte sich heraus, dass ich weder für den Sitztermin noch für die zahlreichen Abzüge bezahlen durfte. So scheiterte kläglich mein Versuch, einen Beitrag zur Ankurbelung der russischen Wirtschaft zu leisten! Nicht wenige Russen verstehen eine Menge davon, ein richtiger Freund zu sein. Das macht Widerwärtiges erträglich.

 

Inzwischen soll ich in Kaliningrad von Schule-zu-Schule herumgereicht werden. Es gibt genügend ums Englische bemühte Oberschüler, doch niemals haben sie einen „waschechten“ Amerikaner zu Gesicht bekommen. Da solle ich nur „etwas erzählen“ und dann Rede und Antwort stehen. Das mache ich gerne!

 

Doch inzwischen sind mir mindestens neun Amerikaner in der russischen Exklave bekannt: einen Pfingstler, mich und sieben Mormonen. Zahlenverhältnisse, die nachdenklich stimmen.

 

Am 12. März werde ich an einer Pädagogischen Hochschule in Tschernjachowsk/Insterburg drei Stunden abhalten. Da werde ich vom Tun der Bekennenden Kirche in der prächtigen reformierten (heute orthodoxen) Kirche nebenan berichten. Dort hatte u.a. der bekennende Christ, Chirurg, Pferdeliebhaber und Autor Hans Graf von Lehndorff ("Ostpreußische Nächte") im II. Weltkrieg gewirkt. Welch Vorrecht, diesen Dienst tun zu dürfen!

 

Ich bin gebeten worden, etwas über die Folgen der EU-Aufnahme der Nachbarstaaten Polen und Litauen zu schreiben. Eine vorläufige Verschärfung ist eindeutig zu verspüren: Im Augenblick verschlingen die Busausreisen nach Polen über Bagrationowsk/Preußisch Eylau drei bis vier Stunden – doch davon verbringt man auf der russischen Seite nur eine Stunde. Bis auf Weiteres bleibt die Vergabe von Dienstvisen an westliche Ausländer, die sich kirchlich engagieren, äußerst schwierig. Schon aus diesem Grund sehne ich mich nach einer Verständigung mit der Orthodoxie.

 

William Yoder

Berlin, den 7. März 2004

 

Verfaßt für den „Aufbruch“, die Zeitschrift der EFG Berlin-Schöneberg, Hauptstr., 285 Wörter

Anmerkung von Ende Juni 2021: Seit 2004 ist meine Einschätzung des Wirkens von Graf von Lehndorff etwas nüchterner geworden. Als deutscher Adliger und Konservativer war er keineswegs ein Busenfreund Hitlers, doch ein Freund der Völker der Sowjetunion war er ebensfalls nicht.