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Generalsekretär des Baptistischen Weltbundes in Moskau überschwenglich empfangen

Kooperation ist angesagt

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BWA-Generalsekretär Neville Callam besucht Rußland

 

M o s k a u – Überschwenglich herzliche Empfänge durch drei Staatsvertreter zeichneten den ersten Besuch in Rußland vom neuen Generalsekretär der Baptistischen Weltallianz (BWA), der Jamaikaner Neville Callam (Falls Church bei Washington) aus. Der Besuch fand vom 16. bis 18. Juni statt. Sergei Popov z.B., das Mitglied der Duma (des unteren Hauses), das für das „Komitee für die Beziehungen zu den öffentlichen und religiösen Organisationen“ verantwortlich ist, kündigte den Gläubigen das Ende eines „Kampfes gegen die Staatsmacht“ an. „Die Kooperation ist angesagt. Wir möchten Ihre Aktivitäten nicht mehr verbieten – wir wollen sie vielmehr unterstützen.“ Ein Gespräch mit Alexander Torschin, dem Stellvertretenden Vorsitzenden des oberen Hauses, des Rates der Russischen Föderation, endete mit einem von Pastor Callam gesprochenen Gebet. Darin erwähnte er „unseren Bruder Alexander“. Alexander Kudrjawzew, der die “Administration des Präsidenten der Russischen Regierung” vertritt und somit als Emissär von Dimitri Medwedew gilt, nahm die Mühe auf sich, die Moskauer Baptistenzentrale zu besuchen. Aufgrund seiner 20-jährigen Beziehung mit den Baptisten beschrieb er sie als „stets hilfsbereit und willig, auf alle Fragen eine Antwort zu geben“. Dabei schlug er eine neue „soziale Partnerschaft“ im Kampf gegen den Suchtmittelmißbrauch vor.

 

Allseits wurden die Sparsamkeit, den Arbeitsfleiß und die starken, kinderreichen Familien der russischen Baptisten gelobt; alle drei Staatsvertreter schlugen gemeinsame Projekte vor. Neben dem Einsatz gegen Drogen und Alkohol umfaßten diese Begegnungen für Geschäftsleute, das Gründen von Kleinbetrieben, Sozialprojekte für Benachteiligte und das Vermitteln von moralischen und familiären Werten. Ohne jegliches Nachfragen der Gäste wurde staatliche Unterstützung beim Ausbau des vorhandenen Nationalen Gebetsfrühstücks angekündigt. Sergei Popov, der eine orthodoxe Bewegung unter christlichen Parlamentariern in Rußland anführt, sprach sich für einen verstärkten Kontakt mit Politikern aus anderen Staaten im Rahmen des Gebetsfrühstücks aus.

 

Alexander Torschin, der in seinem Gespräch mit der Delegation womöglich am weitesten ging, lud Callam zu einem erneuten Besuch von mehreren Städten Rußlands mit staatlicher Unterstützung ein. Er versicherte, daß die Beziehungen nicht auf der protokollarischen Ebene zu stehen brauchten und sehr bald auf konkrete Projekte übergehen könnten: „Wir benötigen gute Verkündiger des christlichen Glaubens. Eigentlich haben wir keine ökonomischen Probleme – nur psychologische.“ Er rief die Kirchen dazu auf, den Völkern Rußlands zu helfen, ihr volles Potential zu erreichen. „Wir wünschen eine große Anzahl baptistischer Gemeinden im ganzen Lande. Wir müssen die religiösen Organisationen unterstützen – sonst können unsere Bemühungen nicht gelingen. Ohne harte Arbeit erreichen wir nichts, und die Baptisten verstehen etwas von harter Arbeit.“ Er kündigte ein Gespräch mit dem Präsidenten von Inguschetien (unweit von Tschetschenien) bezüglich der Rückführung von Christen, die aus dem krisengeschüttelten Gebiet geflohen waren, an. Er versicherte, die dortige Regierung würde inzwischen verstehen, „daß ein monokonfessio­nelles Land eine erhebliche Gefahr darstellt“. Torschin schlug auch vor, daß sich Baptisten verstärkt mit dem unbeliebten Thema der russischen Landwirtschaft befassen. Scherzhaft unterbreitete er den Vorschlag, Protestanten könnten Pendants zu einer vorhandenen, orthodoxen Kolchose schaffen: „Wir haben Land und Wasser und dank der globalen Erwärmung werden wir bald auch ein warmes Land sein! Aber uns fehlen die Hände. Könnten Sie uns Vorschläge machen? Wir würden sie sicherlich unterstützen.“

 

Ein dankbarer BWA-Generalsekretär erwiderte, daß “wir nirgendwo behaupten, die einzigen wahren Christen zu sein. Wir wollen mit anderen Partnerschaften eingehen. Wir sind nicht nur da, um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen – wir wollen auch Gemeinschaften schaffen. Aufgrund von Restriktionen hatten sich die russischen Baptisten jahrelang nicht mit der kommunalen Entwicklung befaßt. Nun hat es einige Zeit gedauert, um neuen Mut und neues Selbstvertrauen zu fassen - um daran zu glauben, daß die Türen nun wirklich aufgetan worden seien.“

 

Juri Sipko, der Präsident der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB), dankte Sergei Popov für die konfessionelle Stabilität, die das vor elf Jahren verabschiedete und oftmals umstrittene „Gesetz über die Freiheit des Gewissens“ mit sich gebracht hat. „Die Glaubensfreiheit ist ein Grundstein der ökonomischen Entwicklung. Nur sie befähigt Menschen, kreativ zu werden.“ Sipko versicherte in einem weiteren Gespräch, daß er die Ehrungen der RUECB durch Kudrjawzew, Torschin, Popov and Alexius II. sehr zu würdigen weiß.

 

Der Empfang, den Alexius II., der Patriarch von Moskau und ganz Rußland, der Delegation im Danilow-Kloster am 18. Juni bereitete, war von nüchterner, jedoch eindeutig freundlicher Natur. Dabei steckte der Patriarch die Parameter für eine gemeinsame Front mit den Baptisten gegen den Säkularismus ab und ließ wissen, daß jegliches Absegnen eines homosexuellen Lebensstils den Bruch bedeuten würde. Das sei bereits geschehen in den Beziehungen der Russisch-Ortho­doxen Kirche (ROK) mit den schwedischen Lutheranern und der anglikanischen Kirche Nordamerikas. In demselben Zusammenhang erwähnte er in einer inklusiven Sprache verfaßte Bibelübersetzungen und die Führungsrolle von Frauen. Der Patriarch schlug eine Fortsetzung der orthodox-baptistischen Konsultation zu Fragen der Moral vor, die letztmals im Februar 2007 zusammentraf.

 

In seiner Erwiderung äußerte Dr. Callam die Hoffnung auf freundliche Beziehungen mit der ROK und ein gemeinsames Aufbegehren „gegen den Monster des Säkularismus“. Er fügte hinzu: „Wir verstehen sehr wohl, daß wir Baptisten nicht die Gründer des Christentums auf russischem Boden seien. Deshalb müssen wir die russische Orthodoxie achten und uns um starke Beziehungen zu ihr bemühen. Wir müssen einander als Schwestern und Brüder annehmen.“ Juri Sipko sprach sich für die Zusammenarbeit aus und lobte die feste Haltung des Patriarchen zur Frage der Homosexualität bei seinem Auftritt vor dem Europäischen Parlament in Straßburg am 2. Oktober.

 

Widersprüche

Es besteht bekanntlich ein Widerspruch zwischen den Zusicherungen der russischen Vertreter von Kirche und Staat und dem alltäglichen Leben der Protestanten in den weiten Rußlands. Kürzlich gab Präsident Sipko bekannt, daß die Schließung einer Baptistengemeinde am Ferienort Tuapse am Schwarze Meer von einem höheren Gericht wieder rückgängig gemacht werden konnte. Eine der jüngsten Fälle von Brandstiftungen gegen protestantische Einrichtungen – in diesem Falle eine charismatische Kirche – spielte sich am 14. Mai in Schlisselburg unweit von St. Petersburg ab.

 

Witali Wlasenko, RUECB-Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen und Vorstandsvor­sitzen­der der Stiftung Nationales Gebetsfrühstück erläuterte: „Wir müssen kommunale Behördern darüber aufklären, daß die Protestanten ebenfalls Christen seien und Anteil nehmen an der Entwicklung der russischen Gesellschaft. Manchen Staatsvertretern fehlt entscheidendes Grundwissen und manche Kirchenvertreter sind kaum dialogfähig. Das stiftet Gegnerschaft. Und wir Protestanten sind dabei nicht unschuldig – es gibt stets zwei Seiten.

 

Bei einem Treffen mit leitenden Baptistenpastoren in Moskau am 18 Juni merkte Pastor Callam, der eine baptistische Gemeinschaft von 105 Millionen Menschen vertritt, an, daß nur in Europa die Zahl von Baptisten schwindet. Deshalb riet er den russischen Baptisten, die kulturellen und musikalischen Vorlieben ihrer Jugend sehr ernst zu nehmen. Die zeitgenössische christliche Musik möge dem Geschmack der Erwachsenen nicht entsprechen, sie müsse jedoch aus Liebe zur Jugend angenommen werden.

 

In einem Exkurs erwähnte der Generalsekretär die Beziehungen der BWA zur 16,3-Millionen-Mitglieder-zählenden “Southern Baptist Convention”, die sich im Oktober 2004 von ihrer BWA-Mitgliedschaft verabschiedete. Er berichtete von ehrlichen und herzlichen Gesprächen mit deren Führungspersonen und fügte hinzu: „Mein Gebet ist, daß sie noch während meiner Amtszeit nach Hause zurückkehren. Und wenn sie wiederkehren, werden wir sie mit offenen Armen empfangen.“ Callam hat im vergangenen September den Posten als BWA-Generalsekretär übernommen.

 

In einer Stellungnahme nach Verabschiedung der Gäste schrieb Präsident Sipko: „Bruder Callam ist ein farbiger Präsident. Vor Gott sind wir eigentlich alle farbige Menschen. Wir sind alle wunderschön; wir sind alle Gottes Lieblinge. Bruder Callam stellt in wundervoller Weise die Unparteilichkeit Gottes dar. Bei Christus gibt es weder Juden noch Griechen. Der Generalsekretär ist ein leidenschaftlicher Evangelist und ein wahrer Nachfolger Christi. Ich bin sicher, daß Gott durch ihn geehrt werden wird.“

 

Neville Callam war von Dr. John Sundquist, einem ehemaligen Missionsleiter der “American Baptist Churches” und ehemaligem BWA-Vizepräsidenten, begleitet.

 

Dr. William Yoder

Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB

Moskau, den 21. Juni 2008

 

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 08-27, 1.222 Wörter.