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Alexander Semtschenko gründet WSECh

Ein Punkt mehr auf der kirchlichen Landkarte Rußlands

 

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Entwicklungen unter den Baptisten Rußlands seit Februar 2008

 

 

 

Ein Kommentar

 

 

M o s k a u – Vor 13 Monaten trat Alexander Semtschenko von seiner leitenden Rolle in der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB) zurück. Das Jahr danach war nicht einfach, denn der baptistische Mäzene hinterließ ein beachtliches, finanzielles Loch. Die Sanierung der Moskauer RUECB-Zentrale war nur eins von zahlreichen Projekten, das er finanziert hatte. Als fortschrittlicher Geist bekannt, hatte der 1948-geborene Semtschenko in letzter Zeit einiges getan, um die russischen Baptisten auf die Bühne der gegenwärtigen russischen Öffentlichkeit zu holen. Seine lautstarken und lebendigen Osterkonzerte haben ein fröhliches Bild des russischen Protestantismus vermittelt, das sich stark von den muffigen Klischees der Sowjetära abhebt. 

 

 

 

Dank seiner Bemühungen als Verleger um die illegale “Samisdat”, verbrachte er einen Teil des Jahres 1982 hinter Gittern. Doch seine 1989 gegründete Monatszeitung „Protestant“ schoß erst einmal wie eine Rakete in die Höhe. Sie erreichte eine Auflagenhöhe von 170.000 und war vorübergehend sogar an ländlichen Kiosken erhältlich. Obwohl sie heute mit einer Auflagenhöhe von 12.000 keine Veröffentlichung der RUECB mehr sei, bleibt sie die qualitativ beste Zeitung der russischen Protestanten. Sein Verlag hat aktiv christliche Literatur produziert; eine seiner Veröffentlichungen nennt ihn zurecht einen „Pionier“. Es war auf jeden Fall seine Verwandlung vom staatsgegnerischen Verleger zum millionenschweren Geschäftsmann, die ein Großteil seiner kirchlichen Arbeit erst ermöglichte. Seine Baufirma “Teplo-Technika” hat Heizungssysteme für mehr als 100 Moskauer Gebäude und Gebäudekomplexe produziert – zu ihnen zählte die Sanierung des weltberühmten Bolschoi-Theaters.

 

 

 

In Veröffentlichungen führt Alexander Semtschenko sein Ausscheiden bei der RUECB auf einen „Konflikt mit dem Präsidenten“ (Juri Sipko) zurück. Die andere Partei berichtet jedoch, daß Semtschenko als nichtgewähltes Ehremitglied von RUECB-Gremien darauf bestand, bei wichtigen Entscheidungen mit unterzeichnen zu dürfen. Sie weist ebenfalls auf unterschied­liche Auffassungen im Verhältnis zwischen Baptisten und der Regierung hin. Der abgetretene Leiter berichtet davon, er habe in den 80er Jahren „jungen Leuten beigebracht, wie man am besten der gottlosen Staatsmacht widersteht“. Doch die existentiellen Zwänge eines erfolgreichen Geschäftsmannes haben sein Denken in neue Richtungen geführt. Das Verhältnis der RUECB zu seinem primären Einzelmäzenen war wohl nie einfach, denn beide Seiten verfügten über verschiedenartige Stärken. Semtschenko verfügte über wirtschaftliche Macht; die RUECB-Führung über eine weitgehende Loyalität unter den Baptistengemeinden.

 

 

 

Semtschenko denkt ergebnisorientiert; er fühlt sich dem verpflichtet, was funktioniert. Er soll keine Scheu vor dem Unerprobten empfinden – keine gewöhnliche Eigenschaft bei den russischen Protestanten. Der Geschäftsmann wünscht sich eine andere Art von Kirche: innovativ, modern und den Vorstellungen der gegenwärtigen russischen Regierung ergeben. Ein Beobachter behauptet, Semtschenko würde am liebsten die 55 „Bischöfe“ (Pastorenälteste) der RUECB in den vorzeitigen Ruhestand entlassen. Seine Anhänger gehören zu den jüngeren Jahrgängen. Zwei seiner bekanntesten Mitarbeiter sind Leonid Kartawenko and Simon Borodin – beide ehemalige Abteilungsleiter für Mission bei der RUECB. Semtschenkos Bruch mit der RUECB verstehen manche als einen Ausdruck der Spannung zwischen Modernisierern und Traditionalisten. Andere sehen in ihm nur den Säkularisierer.

 

 

 

Nach dem Abschied im Februar vergangenen Jahres setzte Alexander Semtschenko den Prozeß zum Aufbau baptistischer Parallelstrukturen mit Entschiedenheit fort. Was bisher als selbständige Äste am Baum der RUECB zu verstehen war, entwickelte schnell ein Eigenleben. Obwohl die allermeisten Moskauer Seminare mit schwindenden Studentenzah­len zu kämpfen haben, ist Semtschenko dabei, ein eigenes Bildungsprogramm mit einem Institut für Homiletik zu gründen. Sein Nachrichtendienst (www.protestant.ru) will es mit „Invictory“, dem charismatischen in Kiew beheimateten Internetdienst, aufnehmen. „Invictory“ gilt als die beliebteste, russischsprachige, protestantische Nachrichtenagentur.

 

 

 

Obwohl er nicht als Theologe angesehen wird, wurde Semtschenko im vergangenen Jahr zum Bischof der 26-Gemeinde-starken “Union der Kirchen evangelischer Christen” ernannt. Die Mitglieder dieser 1992 geschaffenen Kleinkirche werden zu Ehren des russischen Gemeindegründers Iwan Prochanow (1869-1935) auch „Prochanowtsi“ genannt. Eine Konferenz über Prochanow, das Ende April in einem bekannten Moskauer Hotel abgehalten wird, soll zu einer Sternstunde dieser Parallelbewegung werden. Insider behaupten, die Konferenz könnte stattliche sieben Millionen Rubel ($200.000 US) verschlingen. Das würde die Kosten von fünf der jährlichen Nationalen Gebetsfrühstücke decken.

 

 

 

Beobachter weisen darauf hin, daß diese Entwicklungen nicht als vollständigen Bruch mit der RUECB zu werten seien. Einige Baptisten arbeiten für beide – die Grenzen zwischen ihnen seien eher flüssig. Doch wenn Semtschenko die Kosten trägt, haben seine eigenen Projekte Vorrang. Seit dem Bruch ist es nicht mehr möglich, mit einem Gehalt aus der Quelle Semtschenko ausschließlich für die RUECB zu arbeiten.

 

 

 

Die Zusammenarbeit mit Sergei Rjachowski

 

Semtschenko ist sich bewußt, daß er nicht auf eigene Faust alle Ziele erreichen könne. Die Kooperation mit dem Teil der charismatischen Bewegung, der sich mit Sergei Rjachowski, dem offiziellen Bischof der lose-organisierten, 2.000-Gemeinde-starken „Vereinigten Russischen Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“ verbunden fühlt, gewinnt an Schwungkraft. Ein erstes Indiz des Zusammengehens war eine Stellungnahme am 28. August 2008 zugunsten der russischen Anerkennung der abgespaltenen Gebiete von Abchasien und Südossetien. Die Erklärung wurde von beiden sowie von Wassili Stoljar, dem Präsidenten der Adventisten des Siebenten Tages, unterzeichnet.

 

 

 

Es ließe sich sogar die These vertreten, Semtschenko wiederhole das, was Rjachowski schon früher bewerkstelligt habe. Im Jahre 1998 spaltete sich Rjachowski von der traditionell-pfingstlerischen „Russische Kirche der Christen evangelischen Glaubens“ – heute von Pawel Okara geleitet – ab und gründete einen zweiten eher zeitgenössischen und westlich-geprägten Kirchenbund. Beide Kirchenführer leben heute eher distanziert von den Denominationen, aus denen sie selber stammen.

 

 

 

Rjachowski und Semtschenko empfehlen sich der Regierung als besonders loyal an. Die Medien Semtschenkos begrüßen und werben um den russischen Militärdienst. Rjachowski hat gegenwärtige ukrainische Auslegungen von politischen Vorgängen während der Sowjetära und die Entscheidung Estlands, das Kriegerdenkmal aus Sowjetzeiten aus Tallinn zu entfernen, kritisiert. Gemeinsam mit dem Adventisten Stoljar sind sie die einzigen Protestanten, die dem „Rat für die Zusammenarbeit mit den religiösen Organisationen am Sitz des Russischen Präsidenten“ angehören. Seit seiner Sitzung in Tula am 11. März ist dieser Rat besonders eng mit dem Moskauer Patriarchat und dem Präsidenten Medwedew verbunden. Obwohl alle drei der protestantischen Kirchenführer zur Etablierung des Nationalen Gebetsfrühstücks beigetragen hatten, ist keiner von ihnen sechs Tage später zu diesem Moskauer Jahresereignis erschienen.

 

 

 

Obwohl er in seinen Veröffentlichungen die Leiter selbständiger Kirchen feiert, drückt

 

Semtschenko zugleich seine Sorge bezüglich der fehlenden Einheit unter den evangelischen Christen aus. Ein Indiz dieser Sorge könnte die Schaffung seiner jüngsten Parallelorganisation, die „All-Russische Union der evangelischen Christen“ (WSECh in Russisch), sein. Sie ist in ihrer Art ein zweiter „Öffentlicher Rat“, der sich bemüht, alle baptistisch-orientierten Denominationen unter einem Schirm zu vereinen. Bis dato existiert die WSECh dennoch vor allem auf dem Papier und der Geschäftsmann räumt ein, daß der Weg zur allgemeinen Anerkennung ein langer sei. Ein Streben nach der Einheit, die sich in der Abspaltung von einer bestehenden Kirche und der Schaffung einer neuen Organisation äußert, die sich der Einigung verschreibt, ist keineswegs neu.

 

 

 

Zweifellos sind die Bemühungen des Alexander Semtschenko imstande, einen zusätzlichen Punkt auf der kirchlichen Landkarte Rußlands zu setzen. Doch das Ganze zu vereinen, kann ihm nicht gelingen – eher wahrscheinlich ist eine weitere Atomisierung der evangelischen Bewegung. Weder Rjachowski noch Semtschenko wären als geistliche Größen zu beschreiben – sie sind eher als Kirchendiplomaten mit bestimmten kirchlichen und politischen Zielsetzungen zu beschreiben. Ein Beobachter sieht in den Bemühungen Semtschenkos eine völlig neue Art von Einigung – bedingt durch monetäre und nicht durch geistliche Anliegen.

 

 

 

Manche leitenden Pastoren der RUECB sagen aus, Semtschenko habe eine ansehnliche Leistung erbracht und werde weiterhin als Glaubensbrüder akzeptiert. Der Geschäftsmann selbst polemisiert selten gegen die RUECB und räumt ein, daß sich die eigene, neue Kleinkirche nicht als alleinige Erbberechtigte des Vermächtnisses von Prochanow verstehen dürfe. Die Hoffnungen auf Versöhnung und erneute Kooperation schwinden, aber sie sind noch nicht gänzlich begraben.

 

 

 

Dr. William Yoder

 

Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB

 

Moskau, den 20. März 2009

 

 

 

Dieser Bericht will informieren und erhebt auf keinen Fall den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Meinung der RUECB-Leitung zu vertreten. Um Erlaubnis vor der Weiterveröffentlichung wird gebeten. Meldung Nr. 09-09, 1.214 Wörter, 9.826 Anschläge.

 

Anmerkung von Oktober 2020: Trotz Semstschenkos geschäftlicher Niederlagen darf man WSECh heute nicht mehr als eine Randerscheinung im russischen Protsetantismus verstehen. Sie hat sich im vergangenen Jahrzehnt Ansehen verschafft.