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Die nichtregistrierten Baptisten feiern ihren 50. Geburtstag

Der 13. August – Ein Tag mehrfachen Gedenkens

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Zum Jahrestag der russischen „Initiativniki“

 

Kommentar

 

M o s k a u – Zwei für das Weltchristentum bedeutende Trennungen begingen am 13. August ihre 50. Geburtstage; der Bau der Berliner Mauer und die Aufspaltung des “All-Unionrats der Evangeliumschristen-Baptisten”. In einem der beiden führenden, russischsprachigen Kommentare bezüglich der zweiten Trennung feierte der Kiewer Baptist Mikhail Tscherenkow im Nachrichtendienst „Protestant“ am 18.8. das Draufgängertum und den Mut einer baptistischen Untergrundbewegung – die „Initiativniki“. Sie beschrieb er als eine „geistlich mächtige“ und „radikal reformistische“ Bewegung: Keiner habe erwartet, daß eine „anti-kirchliche Direktive“ des All-Unionrats „ein derart massives Aufbegehren auf Ortsgemeindebene auslösen könnte“. Wer hätte gedacht, daß „einfache, ungebildete, unerfahrene Pastoren aus der tiefsten Provinz eine Widerstandsbewegung ins Leben rufen könnten, die bald die gesamte Sowjetunion umfaßte?“ Tscherenkow vergleicht deren Märtyrer mit den christlichen Urvätern, die mit „Allein für Christus!“ in den Tod gingen. Die Initiativniki waren aber auch ein Ausdruck der Los-von-Moskau-Bewegung, die bis heute in den Weiten Rußlands zu Hause ist.

 

Dabei darf aber auch nicht vergessen werden, daß die Initiativniki-Bewegung auch andere Baptisten heftig bekämpfte. In der in Deutschland verlegten, russischsprachigen „Internationalen Christlichen Zeitung“ weist Andreas Patz in einem Aufsatz vom 11.8. darauf hin, daß schon zwei Jahre nach deren Gründung die Front der Initiativniki zu bröckeln begann. Die Totalverweigerung der Initiativniki bei der „Synode“ des All-Unionrats 1963 und unschöne Vorfälle in den Ortsgemeinden kurz danach führten dazu, daß nicht wenige ihre Reihen wieder verließen. Eine autonome Baptistenbewegung neben All-Unionsrat und Initiativniki entstand; Patz nennt sie „eine Opposition zur Opposition“. Noch heute, in nicht wenigen russischen Städten – in Stari Oskol und Dedowsk (bei Moskau) z.B. – bestimmen autonome baptistische Gruppierungen die protestantische Szene.

 

Ein Blogger wies darauf hin, daß trotz der Warnungen Gennadi Krjutschkows eine „Fraternisierung“ zwischen Baptisten auf den unteren Ebenen nie ganz eingestellt werden konnte. Das galt vor allem in der Arbeit der Samisdat-Untergrunddruckereien. Krjutschkow (1926-2007) führte im Gebiet Rußlands von 1965 bis zu seinem Tode 42 Jahre danach die Initiativniki an. Seine „Untergrundkirche“ nannte sich ursprünglich “Rat der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten“. Nach massiver Auswanderung entschied sie sich für den Namen: “Internationaler Rat der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten” (IUCECB auf Englisch). Kürzlich berichtete sie von einer weltweiten Mitgliedschaft von 78.015; rund 20.000 von ihnen befinden sich weiterhin innerhalb der Grenzen Rußlands. In den Spitzenzeiten um 1966 sprach sie von 155.000 Mitgliedern.

 

Der Kommentar des Andreas Patz berichtet ausführlich vom Schmerz und Preis der Trennungen. Nach seinen Angaben wurden nach 1961 rund 1.500 Baptisten (darunter sind auch registrierte sowie nichtregistrierte Pfingstler und Mennoniten zu verstehen) zu Strafen mit einer Gesamtdauer von 5.000 Jahren verurteilt. Daraus ergibt sich eine durchschnittliche Verurteilung von 3,33 Jahren; 30 der Verhafteten sind im Gefängnis umgekommen.

 

Die Initiativniki stellen ein beeindruckendes Zeugnis für das Widerstandsvermögen des menschlichen Geistes im Angesicht einer kaum vorstellbaren Übermacht dar. Doch Kriege – auch die religiösen – fordern Nebenschäden (collateral damage). Der Patriarch Krjutschkow verbrachte die Jahre 1970-90 im Untergrund auf der Flucht vor den sowjetischen Behörden. Auch die IUECB gibt selbst zu, daß sich keines seiner neun Kinder heute im christlichen Lager befindet.

 

Der Antisemit Alexander Prokhanov ist Leitender Redakteur der Zeitschrift „Sawtra“ und der wohl bekannteste nationalistische und rechtsradikale Publizist Rußlands.  “Wikipedia” berichtet, er habe 1999 gemeinsam mit einem Gesinnungsgenossen den US-Nazi Donald Duke nach Rußland eingeladen. Alexander ist ein Enkel von Iwan Prokhanow, einem der Väter der baptistischen und evangeliumschristlichen Gemeinschaften Rußlands. Doch Alexanders Überzeugungen lassen sich schwerlich Iwan anlasten, denn Opa verstarb 1935 drei Jahre vor der Geburt des Enkels. Dieser Hinweis kann aber als Indiz dafür gelten, daß die Annahme „Einmal-für-immer-Baptist“ der sowjetischen und russischen Wirklichkeit nicht entspricht. Nicht wenige Gelehrte und Politiker des heutigen Rußland haben baptistische Wurzeln.

 

Patz berichtet, die gewaltige Zäsur von 1961 habe alte Freunde und Verwandte in „unversöhnliche Feinde“ verwandelt. Plötzlich fanden sich Ehepaare in den gegensätzlichen Lagern wieder; Kinder wußten nicht, mit welchem Elternteil sie sich in die Kirche begeben sollten. „Zuhause waren Kinder den Streitigkeiten der Eltern ausgesetzt. Enttäuscht, gingen sie hinaus in die Welt sobald sie erwachsen wurden. Wie viele dieser Familien wurden in die Scheidung und Zerstörung getrieben?“

 

Zum gegenwärtigen Stand

Die Anhänger der IUECB, die sich heute mehrheitlich in Deutschland und dem Nordwesten der USA befinden, scheinen einer zeitlich erstarrten Bewegung anzugehören. Der Niedergang des aggressiven, sowjetischen Gegners hat sie hinsichtlich der Öffentlichkeit aufs Abstellgleis geschoben. Ähnlich wie bei ihren Vettern, den Altgläubigen der russischen Orthodoxie, die sich 1666 von der Mehrheitskirche absonderten, bestehen sie auf eine betagte Ordnung, die die säkularen Gesellschaften der Gegenwart herzlich wenig interessiert. Die Biologie kann dennoch eine Bewegung am Leben erhalten solange sich zumindest einige der zahlreichen Nachkommen dieser Glaubensrichtung anschließen. Ähnlich wie im Falle der nordamerikanischen „Amischen“ mennonitischer Tradition, werden sie zu einer Fundgrube nur für Ethnologen und Kuriositäten erheischenden Touristen. Sehr wenige Beobachter werden ihren Weg für nachahmungswürdig erachten. Nichtrussische nordamerikanische Missionsgesell­schaften, die sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Rußland aufhielten, haben auf die Initiativniki verzichtet.

 

Widerstand gegen die Obrigkeit gehört zum Kern ihrer Glaubensrichtung. Die Annahme einer versöhnlichen Haltung würde ihr Glaubensgebäude ins Wanken bringen. Patz berichtet, die „Historisch-Analytische Abteilung“ der IUECB, die heute von einer jungen Generation geführt wird, die weder „gesessen“ hat noch „verraten“ worden ist, setze die Methoden, Vorwürfe und Verfehlungen der Väter-Generation fort. Deshalb nähme die Kluft der vergangenen fünf Jahrzehnte eher zu als ab.

 

Patz verweist auf eine Rede des Gennadi Krjutschkow auf der IUECB-Hauptversammlung in Tula am 5.-6. Oktober 2005, in der er den Weg der registrierten Baptisten (der heutigen „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ – RUECB) als den breiten Pfad ins Verderben beschrieb. Den eigenen Weg verstand er natürlich als den schmalen Pfad. Er fügte hinzu: „Diese beiden parallelen Wege werden sich niemals kreuzen, auch nicht in der Ewigkeit.“ Damit wollte er wohl zum Ausdruck bringen, daß es im Paradies nur eine einzige Sorte russischer Baptisten geben werde – nicht, daß sich die Trennungen von 1961 auch in die Ewigkeit hineinragen würden.

 

Obwohl Tscherenkow eingangs die Initiativniki mit Lob überhäufte, räumte er später in seinem Aufsatz ein, dieser Bewegung sei die Leidenschaft abhanden gekommen. Sie sei dazu übergegangen, „ihre Herrschaftsstrukturen und nahezu kanonischen Traditionen mit einer eigenen Heldengalerie und Ikonostase der Märtyrer zu festigen“. Das Ganze sei „von einem schützenden Eisernen Vorhang“ umgeben. „Das Fehlen interkirchlichen Dialogs“ habe die Bewegung davon abgehalten, ihre Überzeugungen auf die Gefahren der Gegenwart umzustellen; den Kurs der Initiativniki habe folglich in eine Sackgasse geführt. „Es gehört zu den Ironien der Geschichte, daß ein reformierender Impuls äußerst selten zweimal derselben Quelle entspringt.“

 

Mikhail Tscherenkow beschreibt die IUECB als eine einst progressive Kraft, die reaktionär wurde. Ich würde die Initiativniki von 1961 lieber als ein „konservatives Wiederaufbegehren“ (conservative resurgence) einstufen etwa im Sinne der “Southern Baptist Convention“ der USA zwei Jahrzehnte danach. Die Initiativniki waren keine Anhänger progressiver Werte – es ging ihnen eher um eine Wiederherstellung des Vergangenen. Man könnte behaupten, die Glaubensfreiheit hätten sie nicht jenen gewährt, die außerhalb der eigenen besonderen Glaubensrichtung standen.

 

Das Tragische

Sogar die besten Absichten können zu einem traurigen Ausgang führen – die Bewegung der Initiativniki ließe sich auch als Tragödie deuten. Sie haben an ihre Liebe für Christus und sein Wort geglaubt – doch ihre Handlungen wurden von anderen als von Haß gesteuert empfunden. Das eigene Verlangen nach reinem Glauben und Standfestigkeit kann von anderen als eine Verachtung anderer Standpunkte gedeutet werden. Das Zeugnis der Initiativniki erreichte einen Tiefpunkt als in Salem, Oregon/USA Ende 2009 ein ukrainisches Ehepaar wegen des körperlichen Mißbrauchs der eigenen Kinder ins Gefängnis wanderte. Die IUECB geißelte das Urteil als Glaubensverfolgung.

 

Man soll zu versuchen verstehen, warum die Aussiedlergemeinden Deutschlands über die gesamte Landschaft verstreut liegen. Helmut Matthies vom Nachrichtendienst „Idea“ hat behauptet, auch deren kleinste gemeindliche Zusammenschlüsse seien nur sich selber verantwortlich. Die Zusammenarbeit in größeren Zusammenhängen scheine unmöglich. Die Initiativniki haben bewiesen, daß sie für ihre Überzeugungen geradestehen können. Doch sie sind sehr viel weniger fähig, mit Andersdenkenden friedlich zusammenzuleben. Sie sündigen anders als wir Westler, denn sie verfügen über eine völlig andere Sozialisierung.

 

Im Kalten Krieg neigten wir im Westen dazu, die Initiativniki als geistliche Riesen zu beschreiben – zumindest bis sie selbst in den Westen auswanderten. Sie haben seitdem bewiesen, daß auch sie nur beschränkte, sterbliche Erdbewohner sind. Es gehört zur  Mythenbildung, daß Verfolgung Gläubige automatisch tugendhafter mache. Vielleicht war es ein mit Angst gespickter Stolz, der ihr Zeugnis ins Verderben führte. In Norwegen vor einem Jahrhundert gab es einen arktischen Entdecker und Ballonfahrer, der seine Prahlereien nicht zurücknehmen wollte. Er zog es stattdessen vor, nordwärts in den sicheren Kältetod zu schweben. Es kommt vor, daß Gruppierungen nicht bescheiden genug sind, um die eigene Haut zu retten. Es ist tragisch, daß ein Stolz womöglich die Initiativniki um die Früchte ihrer Courage und ihres Leidens brachte: „Nach Übermut kommt der Untergang“ (Sprüche 16,18).

 

Mauern und Trennungen sind der Preis menschlichen Naturells; nur die Vergebung könnte das Blatt wenden. Eine Kirchenspaltung, die staatlichen Drucks und interner Sünde zu verdanken war, zerschmetterte das Ei. Nur Vergebung könnte die Wiederherstellung einleiten. Die Sünde auf andere, auf spezifische Gruppen, Orte und Zeiten zu beschränken, führt stets in die Sackgasse. Auch die Initiativniki sind nur Menschen.

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 31. August 2011

 

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