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Lutherische Krise in Moskau

 “Wir können den Vorwürfen nicht glauben”

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Dmitri Lotow und die Orgel in einer Moskauer Kathedrale

 

M o s k a u -- Am Abend des 4. September verschaffte sich eine freie lutherische Gemeindegruppe unter Anführung ihres Pastors Dmitri Lotow Zugang zur Moskauer Sankt-Peter-und-Paul-Kathedrale. Ein Mitstreiter Lotows kletterte hinauf auf die Empore. Nachdem er das Fußpedal von der Orgel entfernt hatte, zeigen Videoaufnahmen, wie er wieder absteigt und zum Eingang der Kirche zurückkehrt. Bevor sie mit ihrer Trophäe das Weite suchten, lieferten sich die Eindringlinge noch eine Rangelei mit den Mitarbeitern von Peter-und-Paul. Ansonsten wurde die Orgel nicht beschädigt.

 

Auf der eigenen Webseite („peterpaul.ru“) erläuterte Lotow, seine Gruppe habe „die Kathedrale besucht, um ihrem Auftrag, die Orgel zu inspizieren und zu beschützen, nachzukommen“. Nach einer Kontrolle hätten sie die Orgel „wegen übermäßiger Nutzung in einem traurigen Zustand“ vorgefunden. Deshalb hätten sie Maßnahmen ergriffen, "um der häufigen Nutzung der Orgel für Konzerte Einhalt zu gebieten“. Der Schlußsatz klingt bedrohlich: „Unsere Gemeinde wird weiterhin die notwendigen Maßnahmen durchführen, um die Orgel als historisches und kulturelles Denkmal zu erhalten.“ Das deutsche Gustav-Adolf-Werk (GAW) berichtete am 10. September von „Vandalismus“, „Verbrechen“ und der „Zerstörung“ der Orgel. Das GAW fügte hinzu, es hoffe in Zusammenarbeit mit anderen Hilfswerken eine Wiederherstellung der Orgel in den kommenden zwei bis drei Monaten zu bewerkstelligen.

 

Die Nutzungsrechte für das Instrument sind nicht eindeutig: Ein Gerichtsurteil vom März 1996 räumt sowohl der Gemeinde zu Peter-und-Paul wie der übergreifenden „Evangelisch-Lutherischen Kirche Europäisches Rußland“ (ELKER) ein Nutzungsrecht ein. Die Orgel selbst ist Staatseigentum.

 

Lotow nahm die Mehrheit der Gemeinde mit sich, als er sich im Herbst 2010 von der Kathedrale verabschieden mußte. Er sieht seine Gruppe nach wie vor als die rechtmäßige St.-Peter-und-Paul-Gemeinde an. Nun führt er das Zögern der Polizei darauf zurück, daß die Stadt Moskau zu der Auffassung gekommen sei, seine Gemeinde sei die eigentliche Eigentümerin der Orgel. Auf der Webseite seiner Gemeindegruppe behauptet Lotow: „Gegenstände können nicht von ihrem rechtmäßigen Eigentümer gestohlen werden.“ Die heutigen Mitarbeiter von Peter-und-Paul weisen ebenfalls auf finanzielle Interessen hin: Lotow habe keinen Zugang mehr zu den Einnahmen, die sich aus den Orgelkonzerten ergeben.

 

Dmitri Lotow, selbst leidenschaftlicher Orgelspieler, hat ein besonderes Verhältnis zu dieser Orgel. Gebaut 1898 von der Firma W. Sauer in Frankfurt/O. für die Moskauer St. Michaelis Kirche, wurde sie 1928 aus der von den kommunistischen Machthabern zum Abbruch bestimmten Kirche geborgen. Im Jahre 1996 konnten Lotow gemeinsam mit anderen sie mit List und Tücke aus einem Moskauer Krematorium holen und in die St. Peter-und-Paul-Kirche überführen. Doch für eine Instandsetzung fehlten die Mittel. Erst zum 100. Jubiläum der Kathedrale im Dezember 2005 konnte die Orgel wieder ertönen. Lotow nennt deren Restaurierung „den Sieg in einem 12 Jahre währenden Kampf“.

 

Lotow, der 1997 Pastor des russischsprachigen Teils der St. Peter-und-Paul-Gemeinde wurde, ist wegen seiner konservativ-hochkirchlichen Auffassungen in nichtlutherischen Kreisen unbeliebt. Des fragwürdigen Benehmens gegenüber dem anderen Geschlecht angeklagt, entließ ihn der Bischof der ELKER, Dietrich Brauer, aus dem pastoralen Dienst. Im März 2011 wurde Lotow von der Synode der ELKER die Ordination aberkannt. Trotz dieser Entwicklungen steht Arri Kugappi (St. Petersburg), Bischof der zweitgrößten lutherischen Kirche Rußlands, der finnisch-geprägten „Evangelisch-Lutherischen Kirche Ingermanlands in Rußland (ELKIR)“, zu Lotow. Am 17. Oktober gab er in einem Interview zu Protokoll: „Wir kennen Dmitri Lotow schon sehr lange und können den Vorwürfen, die ihm gegenüber gemacht werden, nicht glauben. Diese Vorwürfe sind noch nie einem Gericht vorgelegt worden und noch ist nichts bewiesen.“

 

Lotows Gemeinde, die sich gegenwärtig auf einem Moskauer Fabrikgelände trifft, wünscht sich sehnlichst eine Übernahme durch die Ingermanländische Kirche und nennt Kugappi auf ihrer Webseite „unseren Bischof“. Kugappi versichert: „Wir haben die Gemeinde, in der Lotow arbeitet, in unsere geistliche Fürsorge aufgenommen. Doch bisher ist noch nichts endgültig geklärt. Ein Grund dafür ist, daß sich Bischof Brauer vehement dagegen sträubt, mit uns über diese Frage zu beraten. Aber wir haben weiterhin die Hoffnung, in ernsthafte Verhandlungen mit Brauer eintreten zu können. Wir möchten gerne zu einer gemeinsamen Position in dieser Sache finden. Mit Lotows Gemeinde pflegen wir herzliche Beziehungen.“

 

Lotows Übernahme durch die Ingermanländische Kirche würde entscheidend zu seiner Rehabilitierung beitragen. Seine Gemeindegruppe zu gewinnen, ist eine verlockende Frucht für Bischof Kugappi, denn Lotows Gruppe hat bis zu 70 Gottesdienstbesucher. Lotows Aufnahme würde die Beziehungen zwischen der Ingermanländischen Kirche und der ELKER allerdings belasten. Sollte hingegen die Aufnahme in die Ingermanländische Kirche scheitern, droht Lotows Gemeinde zu einer Ein-Mann-Sekte zu verkümmern.

 

Das Weltluthertum, etwa in Gestalt der „Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands“ (VELKD) und der „Evangelical Lutheran Church in America“ (ELCA), reiht sich eindeutig hinter Dietrich Brauer ein. Die Wahl des 29-jährigen Bischofs der ELKER im September auch noch zum kommissarischen Erzbischof der „Evangelisch-Lutherischen Kirche Rußlands“ (ELKR) für die nächsten zwei Jahre ist ein eindeutiges Indiz für seine Unterstützung innerhalb Rußlands. Der lutherische Propst von Wladiwostok, Manfred Brockmann, merkt dazu an: “Ich bewundere Brauers Mut. Er ist sehr jung und hat bereits so viel durchstehen müssen.“

 

Seit Brauers Amtsantritt 2010 hat sich die ELKER viel eindeutiger als zuvor in das Lager des „Lutherischen Weltbundes“ (LWB) begeben und die Partnerschaft mit der „Evangelischen Kirche in Deutschland“ (EKD) intensiviert. Das erzeugt Unwillen bei jenen Kräften innerhalb der ELKER, die Bedenken gegen die EKD hegen, weil diese in ihren Äußerungen oftmals sehr liberal sei. Brauer hat allerdings auch deutliche Sympathien für die pietistische Bewegung. Bei der „Russischen Evangelischen Allianz“ genießt er hohes Ansehen.

 

Anmerkung zur Zerstörung einer Moskauer Kirche

Am 7. September berichtete das deutsche Nachrichtenmagazin „IDEA“ über „schwere Schäden“ an der Moskauer Orgel sowie – im selben Artikel – über die Zerstörung der pfingstkirchlichen Dreifaltigkeitskirche in Nowokosino im Moskauer Osten. Drei Tage später rief Wsewolod Tschaplin, ein Sprecher des Patriarchen Kirill, die Moskauer Stadtregierung dazu auf, das äußerst fragwürdige Treiben von lokalen Kommunalpolitikern und Geschäftemachern in Nowokosino in den Griff zu bekommen. „In manchen Gegenden werden wir Orthodoxen in gleicher Weise von Geschäftemachern bedroht“, versicherte ein leitender Priester des Moskauer Patriarchats Mitte Oktober.

 

Die IDEA-Meldung war überschrieben mit dem Titel: „Übergriffe auf evangelische Kirchen in Moskau“. Der Artikel erregte das Mißfallen Lotows, da der Beitrag die Zerstörung der Kirche und seinen eigenen „Vorstoß“ in das gleiche Licht stellte. Lotow reagierte auf seiner Webseite mit einer Solidaritätserklärung: „Wir sind zutiefst verärgert und aufgeschreckt durch die Zerstörung der evangelischen Kirche der ‚Heiligen Dreifaltigkeit‘ in Nowokosino.“ Doch Lotow war nie als ein Freund von Pfingstlern bekannt.

 

Ein Kenner der Szene schreibt: „In Rußland, wo die Justiz nur sehr schwerfällig arbeitet, greift man dann, wenn man sich stark genug fühlt, zur Selbstjustiz. Und eben auch ein Lotow nutzt die ihm verbliebenen Spielräume handgreiflich aus. Es ist klar, daß er sich damit außerhalb der zivilisatorischen Standards begibt, die für Kirchen in aller Welt gelten. Vermutlich versteht er seine Aktion aber als Notwehr gegen die Leitungsorgane der ELKER, deren Vorgehensweise er als nicht rechtmäßig ansieht. Doch auf beiden Seiten wird mit harten Bandagen gekämpft.“

 

Dr.phil. William Yoder
Berlin, den 4. November 2012

 

Eine journalistische Veröffentlichung gefördert von der “Presbyterian News Service”, Louisville/USA, “www.pcusa.org”. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der PNS zu vertreten. Diese Meldung darf gebührenfrei abgedruckt werden wenn die Quelle angegeben wird. Meldung Nr. 12-26, 1.113 Wörter oder 8.091 Schläge mit Leerzeichen.

 

Anmerkungen im Mai 2020:

Bis heute hat sich die Kirche von Ingria niemals von der Moskauer Gemeinde des Dmitri Lotow distanziert. Heute ist sie sogar ein offizielles Mitglied der Ingria-Kirche. Leider bestehen weiterhin ungeklärte Fragen im Verhaltnis zwischen Ingria und der größeren ELKR.

 

Sie finden weitere Kommentare zu diesem Aufsatz am Ende der Meldung über Peter Mitskewitsch vom 19. Dezember 2012. --wy