· 

Mitskewitsch über das Seminar der Baptisten

Hundertprozentige Einstellungsraten

---------------------------------------------------------------

Das Theologische Seminar Moskau setzt künftig auf Altes

 

M o s k a u -- Die Bildungslokomotive der “Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB), das „Theologische Seminar Moskau“, kehrt zu den ursprünglichen Formen zurück. Gegründet 1968 als baptistische Korrespondenzschule, agierte es später unter dem Namen „Theologisches Institut Moskau (MTI). Offensichtlich weil westlichen Förderern kein anderes Modell vertraut war, wurde 1993 ein campus-bezogenes, stationäres Angebot hinzugefügt. Die neue Einrichtung nannte sich „Theologisches Seminar Moskau“ (MTS).

 

Ein Gründer des MTS räumt heute ein: „Wir riefen ein dreijähriges Studium ins Leben, das eventuell scheiterte – wie praktisch alle anderen stationären, theologischen Studiengänge in den GUS-Staaten. Das hing mit den Kosten zusammen. Wie sollten Studenten drei Jahre lang ohne jegliche finanzielle Basis auskommen? Das stationäre Modell ist sehr teuer und bald hatten wir kaum noch Studenten.“ Folglich wurden 2007 das MTI und sein Fernstudium ins MTS integriert. Danach schnellten die Studentenzahlen in die Höhe: von 251 im Jahre 2007 auf 975 heute. Das führt den Beweis dafür, daß das ursprüngliche Fernstudienprogramm auf die russischen Bedingungen abgestimmt war – daß es mehr war als nur das ungeliebte Geschenk eines atheistischen Staates.

 

Das heutige MTS verteilt sich auf nahezu das gesamte Territorium Rußlands. Fünf seiner neun „Studienzentren“ (Learning Centres) bilden eine horizontale Linie von Moskau im Westen bis Chabarowsk im Osten an der Grenze zur Ost-Mandschurei. Die durchschnittliche Entfernung zwischen den fünf Zentren beträgt fast 1.600 km; Chabarowsk liegt 6.147 km östlich von Moskau. Die gleiche Entfernung westwärts von Moskau würde bedeuten, daß das MTS in Sydney/Neuschottland (Kanada) ein Studienzentrum hätte.

 

Nur in Moskau besitzt das MTS eigene Gebäude. Wie überhaupt in der Gesellschaft ist die Studentenverteilung ungleichmäßig: Allein im Moskauer Raum hat das MTS 500 Studenten; weitere 225 befinden sich im Nordkaukasus. Die Studienzentren weiter östlich haben durchschnittlich 25 bis 40 Studenten. Zwei der Zentren (Nordkaukasus und Chabarowsk) waren anfangs eigenständige Einrichtungen. Beide Zentren verfügen über Lehrkräfte, die nicht in Moskau ansässig sind. Chabarowsk hatte nur noch neun Studenten als es vor wenigen Jahren vom MTS übernommen wurde - dessen Zahl beträgt heute 60.

 

Pastorendienst und christliche Erziehung sind die üblichen Studiengänge des MTS. Die meisten Programme sind eigentlich Mischformen, die aus einer Kombination von Fern- und ortgebundenem Studium bestehen. Der Bachelor-Abschluß verlangt zwei Aufenthalte in einem Studienzentrum von jeweils zwei Wochen pro Jahr in einem fünfjährigen Studiengang; der Magister-Abschluß verlangt dreiwöchige Aufenthalte. Doch viele Lehrgänge mit einem Zertifikat zum Abschluß dauern nur ein Jahr oder sogar eine einzige Woche. Einige Kurse werden ausschließlich on-line durchgeführt.

 

Ein Fernstudium läßt sich äußerst flexible gestalten. Rektor Dr. Peter Mitskewitsch, ein Arzt mit einem theologischen Abschluß aus USA, besteht darauf, daß seine Einrichtung „verschiedene Studiengänge anbietet, um die Bedürfnisse der Gemeinden besser befriedigen zu können“. Ein neuer Studiengang in Moskau ist auf die Direktoren von Reha-Zentren für Suchtkranke zugeschnitten. Ein MTS-Mitarbeiter berichtet: „Diese Direktoren habe im Umgang mit Menschen eine Menge Erfahrungen gesammelt – doch Null-Ausbildung in Sachen Theologie.“ Dieses Programm besteht aus etwa 15 in sich geschlossenen Modulen. So kann der Lernende beispielsweise mit Modul 8 einsteigen und mit Modul 7 aufhören – ein Einstieg ist jederzeit möglich.

 

Weitere neue Studiengänge umfassen die christliche Seelsorge, Gemeindeverwaltung, digitale Medien und die Beziehungen zwischen Kirche und Staat. Ein Kurs zur Seelsorge wird an einem 10. Ort angeboten: St. Petersburg. Die jüngsten Studenten sind in einem Programm für Gemeindejugendleiter zu finden.

 

Die Stärken

Fernstudium und dessen Mischformen lösen viele der Probleme, die mit einem campus-gebundenen Studium zusammenhängen. Seit langem benutzen Studenten aus den Zweiten und Dritten Welten kirchliche Stipendien, um sich von ungeliebten ländlichen Gegenden und Staaten zu befreien. Das ist natürlich das genaue Gegenteil von dem, was diese Förderung beabsichtigte. Ein leitender Pastor berichtet: „Unsere Gemeinden haben ständig Angst, die besten und begabtesten Jugendlichen zu verlieren. Wenn wir die Pastoren nun vor Ort ausbilden können, müssen deren Familien nicht aus der vertrauten Umgebung gerissen werden und sie selbst auf Gemeindedienste und Arbeitsstellen verzichten.“

 

Ein Fernstudium ist praxisbezogen. Die Chancen, daß sich ein Student in einem akademischen Elfenbeinturm verliert, der sich weitab vom Leben und Denken arbeitender Sterblicher befindet, sind minimal. Ein Förderer berichtet: „Nach diesem Modell ist man bereits mit der praktischen Gemeindearbeit befaßt – im Studium gibt es keinen großen Bruch. Das Gesprächsniveau im Plenum mit bestandenen Pastoren ist völlig anders als bei 18- bis 20-jährigen Anfängern.“

 

Ein US-Amerikaner berichtet: “Im Westen fragen mich Leute nach der Erfolgsrate bei der Einstellung von MTS-Absolventen. Ich erwidere: `Einhundert-Prozent!´ Mehr als 90 Prozent unserer Studenten sind bereits dienstlich aktiv. Das ist ganz anders in Nordamerika, wo ein junger Mensch ein Seminarstudium aufnimmt in der Hoffnung, daß es hinterher auch irgendwie klappt.“

 

Rektor Mitskewitsch weist darauf hin, daß protestantische Theologiestudenten eindeutig älter ausfallen, weil es sich in Rußland um einen Nebenberuf handelt. „Die große Mehrheit wird zuerst eine weltliche Hochschule aufsuchen. Sie werden Ingenieure, Ärzte oder Manager. Wenn Gott tatsächlich dabei ist, sie in den kirchlichen Dienst zu rufen, werden sie danach im Gemeindedienst ihre Fähigkeiten ausprobieren. Erst dann fängt das Theologiestudium an.“ Er fährt fort: “Das Ganze muß Schritt-für-Schritt erfolgen. Erst seit 20 Jahren haben wir die Freiheit – die Gemeinden brauchen Zeit für den Reifungsprozeß. Eine geeignete Versammlungsstätte und der Beginn von Gemeindediensten sind die höchsten Prioritäten. Erst viel später wird der Dienst eines hauptberuflichen Pastors erfolgen.“ Das Fernstudium „paßt zu unseren ökonomischen und geographischen Bedingungen“. Es sei sogar der einzige Weg, Lernwillige in abgelegenen Gebieten zu erreichen.

 

Studenten bezahlen Reisekosten sowie 10% der Studiengebühren aus eigener Tasche. Spenden aus Rußland decken 30% des Gesamt-Etats. Die zunehmende Besitzannahme seitens der Gemeinden ist wohl darauf zurückzuführen, daß es sich um ein bezahlbares Modell handelt. Sei es jedoch nicht höchst stressig, einen Dozenten ständig auf die Reise zu bis zu neun Studienzentren zu schicken? „Sicherlich“, räumt der Rektor ein. „Doch ist es nicht empfehlenswerter (und preiswerter), als etwa 29 Studenten zu uns zu holen?“

 

Das Modell Fernstudium ist zukunftsweisend nicht nur weil die Kosten des stationären Studiums in den westlichen Ländern in den Himmel steigen. Die heutige Jugend fängt schon in der Krippe mit dem Computer an und deren Fähigkeiten zur Handhabung von Computern werden weiterhin ansteigen.

 

Man könnte behaupten, die Kirche der Sowjetära sei äußerst zukunftsträchtig gewesen als sie 1968 mit Korrespondenzkursen anfing. Doch gleichzeitig räumt Mitskewitsch ein, das MTS biete das an, was die englischsprachige Welt schon lange zu bieten hat: eine breite Palette theologischer On-Line-Kurse für jeden Geschmack. „Aber wir bleiben eine russischsprachige Einrichtung und uns fällt die Aufgabe zu, Studenten egal wo auch immer russischsprachige Kurse anzubieten.“ Das MTS hat bereits ein paar Studenten in den USA, Australien und Deutschland, die zweimal jährlich zu den Plenarsitzungen nach Rußland reisen. Der Rektor ist auch offen für neue Theologiekurse in einem einfachen Russisch, die sich an Studenten ohne russische Muttersprache richten.

 

Die Nachteile

Stehen die Studieneinrichtungen der russischen Protestanten in Gefahr, als „Diplommühlen“ ohne jeglichen wissenschaftlichen Anspruch zu fungieren? Michail Newolin, ein baptistischer Theologe aus Sankt Petersburg, stellt fest, daß nur sehr wenige von ihnen die Etikette “Universität” oder “Seminar” verdienen. Mit der wissenschaftlichen Rigorosität eines Studiums an westlichen Seminaren kann ein Fernstudium in Rußland nicht mithalten. Doch andersherum setzen die russischen Programme keinen gewaltigen Sprung voraus und befinden sich dicht an der pastoralen Arbeit vor Ort.

 

Rektor Mitskewitsch ist davon überzeugt, daß sein neuer Dekan, Pastor Gennadi Sergienko, für die Qualitätskontrolle sorgen werde. Im Jahre 2011 promovierte er im Fach Neues Testament am renommierten, kalifornischen “Fuller Theological Seminary”. Mitskewitsch berichtet, daß bereits die Mehrheit der Fakultätsmitglieder den Doktor-Titel trägt. In den letzten vier Jahren ist es zur Praxis geworden, die letzten, mündlichen Abschlußprüfungen allein in Moskau durchzuführen. Das trägt dazu bei, die akademischen Erwartungen für alle Studierenden auf ein einheitliches Niveau zu bringen.

 

Ehemalige Suchtkranke bilden einen bedeutenden Teil der Studenten an den evangelischen Seminaren Rußlands. Da sie selten aus den oberen Gesellschaftsschichten stammen, sorgen sich Beobachter um das geistige Niveau von Seminaren und dem Gemeindeleben überhaupt. „Das spiegelt nur die demoskopische Realität der Gesellschaft wider“, wirft ein Amerikaner ein. „Handbücher geben an, daß 40% aller russischen Männer unter Suchtmittelmißbrauch (vor allem Alkoholismus) leiden.“

 

Beim Fernstudium kommt das Geben-und-Nehmen im Plenum zu kurz. Die zweiwöchigen Aufenthalte in den Studienzentren, informelle Chatrooms und Email sollen dem Problem beikommen. Dekan Sergienko räumt ein, er träume weiterhin von dem Zeitpunkt, an dem ein längerfristiges, stationäres Studium möglich wird. „Jeder Ansatz hat Vor- und Nachteile“, versichert Peter Mitskewitsch. „Doch in der jetzigen Phase unserer Entwicklung ist der eingeschlagene Weg eindeutig der beste.“

 

Zu den weiteren Bildungseinrichtungen, die mit der RUECB assoziiert sind, gehören ein Seminar bei Nowosibirsk sowie eine “Predigerschule” in Samara/Wolga.

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 19. Dezember 2012

 

Eine journalistische Veröffentlichung gefördert von der “Presbyterian News Service”, Louisville/USA, “www.pcusa.org”. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der PNS zu vertreten. Diese Meldung darf gebührenfrei abgedruckt werden wenn die Quelle angegeben wird. Meldung Nr. 12-30, 1.383 Wörter oder 10.152 Schläge mit Leerzeichen.

 

 

Ein Nachwort zum Thema Peter-und-Paul

 

Ein Nachgespräch mit Pastor Dmitri Lotow hat ergeben, daß meine Pressemeldung vom 4. November (es gibt geringe Abweichungen beim Datum) über Auseinandersetzungen im Rahmen der lutherischen Peter-und-Paul-Gemeinde einen oder mehrere Fehler enthält. Pastor Lotow war bei der Aktion, bei der die Fußtastatur von der Orgel der Kirche genommen worden ist, nicht anwesend. Er kann anhand seines Passes beweisen, daß er sich an dem Tage im Ausland befand. Es kann wohl ebenfalls nicht von einer Beschädigung der Orgel die Rede sein. Nach seinen Angaben ist die Fußtastatur an nur zwei Schrauben befestigt. Inzwischen ist die Orgel dank einer neuen Fußtastatur aus Deutschland wieder voll funktionsfähig. Für die entstandenen Kosten kam Lotows Gruppe nicht auf.

 

Pastor Lotow legt Wert auf die Feststellung, daß seine Gemeinde nicht „Lotows Gemeinde“ sei. Er sagt: „Nichts kommt auf unsere Webseite, das nicht bereits vom Gemeinderat abgesegnet worden ist.“ Die juristischen Belange der Gemeinde lägen vor allem in den Händen von Sergei Tarasenko; Lotow selbst sei der Hauptverantwortliche nur für den geistlichen Teil der Webseite.

 

Dmitri Lotow ist bemüht, sich mit säkularen, juristischen Mitteln Zugang zur Orgel und zur Kirche zu verschaffen. Allerdings ist das Luthertum nicht kongregationalistisch (von unten her) aufgebaut  Die höchste kirchlich-juristische Instanz der ELKER bleibt deren Synode - und keine Moskauer Kirchengemeinde innerhalb oder außerhalb der ELKER. Ohne Lotows Gegenwart konnte der Chor seiner Gemeinde Mitte November eine Probestunde in Peter-und-Paul abhalten.

 

Dr. William Yoder

 

Hierzu noch eine - gekürzte - Stellungnahme der ELKER vom 14. Dezember 2012:

 

Es geht in Ihrem Artikel an keiner Stelle um die eigentliche Kathedralgemeinde, was uns sehr irritiert. Sie beschreiben das als ob es sich um zwei gleichrangige Parteien ELKER (Brauer) und Gemeinde (Lotow) ginge. Wir möchten nochmals deutlich machen, daß es hier um einen des Amtes enthobenen Pastors geht, seine Ansprüche, Ambitionen und einen kleinen Kreis um ihn. Diese Gruppe hat einen sektiererischen Charakter.

 
Unsere Kirche hat eine Kathedralgemeinde mit Sitz des Bischofs, die sich gut entwickelt und für alle offen ist - auch für diejenigen ist sie offen, die sich geirrt haben, bzw. die man betrogen hat.

 

Elena Bondarenko