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Eine Kirche bewegt sich gen Westen - Bericht noch vor Maidan

Wird die Ukraine den Westen evangelisieren?

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Ukraine auf der Schwelle einer Entscheidung von geopolitischer Tragweite

 

Kommentar

 

M o s k a u – Für drei Tage bis zum 2. Oktober besuchte eine religiöse Delegation aus der Ukraine die Zentrale der Europäischen Union in Brüssel. Mit von der Partie waren Pfingstler und Baptisten. In der Ukraine war das Echo durchaus positiv – am 29. November soll das Land in Vilnius ein “Assoziierungsabkommen” mit der EU unterzeichnen. Doch die vermeintliche sittliche Dekadenz des Westens breitet den konservativen Orthodoxen und Protestanten Osteuropas Bauchschmerzen. Sie vertreten die Auffassung, Osteuropa habe sich besser geschlagen in dem Bemühen, die historischen Familienwerte, eine Grundlage der europäischen Kultur, aufrechtzuerhalten.

 

In Brüssel war Patriarch Filaret (Denisenko), Oberhaupt der selbständigen aber starken “Ukrainisch-Orthodoxen Kirche”, bemüht, die Ängste zu zerstreuen. “Uns fällt auf, daß in Europa die moralischen Werte entschwinden und, daß Initiativen bemüht sind, die Regierungen zur Anerkennung sündhafter Praktiken wie die gleichgeschlechtliche Partnerschaft zu zwingen. Während in der EU Kirchen verkauft werden, bauen wir in der Ukraine neue. Wir wollen das Bessere von der EU übernehmen und Europa auch das anbieten, was bei uns besser ist. Wir bemühen uns um die religiösen und moralischen Werte, und wir sind besorgt um die Erziehung der künftigen Generationen im religiösen Geiste.”

 

Bietet die EU der Ukraine die Chance, den Westen zu evangelisieren? Vor einem Vierteljahrhundert hatte der missionarische Impetus die umgekehrte Stoßrichtung.

 

Es geht aber auch um andere Themen: Ende Juli besuchte Kirill (Gundajew), Patriarch der Russischen Orthodoxie, Kiew im Zuge eines Versuchs zur späten Stunde, die Ukrainer doch noch umzustimmen. Schließlich hatten Russen und Ukrainer bereits im 9. Jahrhundert einen gemeinsamen Staat. Russen und Ukrainer sind bis zur Unkenntlichkeit miteinander verwandt und verschwägert. 80% der Krim soll russisch sein; große Teile der protestantischen Führung Rußlands ist übrigens ukrainischen Ursprungs. Siehe z.B. die ukrainischen Namen russischer Baptisten wie Sipko, Wlasenko, Wasilschenko, Kartawenko, Semtschenko – alles eben, was auf “ko” endet. Die meisten Russen empfinden das Absägen der Ukraine etwa wie das Herrichten eines elektrischen Grenzzauns zwischen den Bundesstaaten Maryland und Pennsylvania mit entsprechend strengen Paß- und Visakontrollen.

 

In einem Kommentar vom 4. Oktober auf “Christian Megapolis”, einer russischsprachigen Webseite aus Toronto, bemühte sich auch Michail Tscherenkow, ein junger Professor und Intellektueller aus Donetsk (Ostukraine), die Ukrainer zu besänftigen. “Angst ist unangebracht”, schrieb er. “Europa ist nicht so scheußlich wie hysterische Orthodoxe und fundamentalistische Protestanten es gerne hätten. Europa ist auf jeden Fall bei weitem nicht so scheußlich wie die Alternative: die asiatische 'Taiga-Union'. Ohne Gott ist alles scheußlich, und mit ihm läßt sich überall leben.” Tscherenkow, eigentlich ein russischer Baptist aus Samara/Wolga, bezog sich damit auf die erhoffte Zollunion von Rußland mit Belarus, Kasachstan und der Ukraine.

 

Hiermit handelt es sich keineswegs um die erste – oder letzte - Schmähung, die die Russen im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts zu ertragen gehabt hätten. Die russischen Nationalisten träumen natürlich von einer Wiederentstehung und Heimzahlung für das, was ihnen der Westen in einer Phase der Schwäche angetan bzw. gestohlen hat.

 

Dagegen läßt sich einwenden, die Russen hätten – dank ihrer Oligarchen – nur sich selber etwas vorzuwerfen. Der “Casino-Kapitalismus”, in dem der Staat noch immer steckt, wirke keineswegs verlockend auf die einst sowjetischen Nachbarn. Doch Oligarchen darf man nicht mit Nationalisten verwechseln: Oligarchen gehören auch zum Westen – dort haben sie ihre Bankkonten und den Nachwuchs längst deponiert.

 

Durchschnittliche, “alltägliche” Russen haben fast das Gefühl, eigenen Körperteilen verlustig zu gehen. Das Empfinden eigenen Verlusts ist echt. Parteigänger des Westens hielten Kirill für einen Emissär des Kreml, als er im Juli die Ukraine besuchte. Aber doch ging es um mehr: Dort war Kirill auch Bote des russischen Volkes – vielen von ihnen sprach er aus dem Herzen.

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 25. Oktober 2013

 

Eine journalistische Veröffentlichung im Rahmen der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der der Allianz-Leitung zu vertreten. Diese Meldung darf gebührenfrei abgedruckt werden wenn die Quelle angegeben wird. Meldung Nr. 13-19, 597 Wörter.