· 

Lutheraner in Kaliningrad

Kirche nach der Stoßzeit

----------------------------------------------------------------

Die lutherische Kirche im Gebiet Königsberg verfügt über ein neues Konzept

 

M o s k a u – Ein Vierteljahrhundert nach den globalen, politischen Umwälzungen ist es um die Lutheraner in der russischen Enklave Kaliningrad/Königsberg stille geworden. Die Touristenströme haben nachgelassen. Die betagten, deutschen Vertriebenen, die dort ihre Zelte neu aufschlagen wollten, haben es schon längst getan. Aufgrund von Leitungskrisen u.a. hat in den letzten Jahren das Spendenaufkommen bei der Kaliningrader Propstei stark nachgelassen. Ein Ergebnis davon ist, daß sie seit dem 1. Oktober 2013 über ein neues Finanzierungskonzept, eine Verschlankungskur ersten Ranges, verfügt.

 

Pröpstin Maria Goloschapowa erläutert, die norddeutsche Landeskirche hatte der Propstei einen besonderen Zuschuß gewährt mit der Auflage, der Kredit lasse sich in eine Spende umwandeln nur in dem Falle, daß erstmals ein realistischer, ausgeglichener Haushalt vorgelegt wird.

 

Am 30. September 2012 war der Kirchheimbolandener (Pfalz) Pfarrer und Dekan Thomas Vieweg als letzter, aus Deutschland entsandter und besoldeter Propst eingeführt worden. Bereits am 9. Juni 2013 wurde dann die aus Astrachan am Kaspischen Meer stammende Maria Goloschapowa Pröpstin. Sie wurde somit zum ersten einheimischen, in Rußland ausgebildeten Pfarrer (bzw. Pfarrerin), der dieses Kaliningrader Amt bekleidet. Bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland im Sommer 2015 soll Vieweg ihr Stellvertreter und Mentor bleiben.

 

Vieweg hatte die Aufgabe, eine allumfassende Erhebung durchzuführen und aufgrund dessen ein neues, finanziell nachhaltiges Konzept vorzulegen. Mitarbeitern aus Technik und Verwaltung wurde gekündigt; der beliebte Empfangsbereich an der Tür zur Kaliningrader „Auferstehungskirche“ ist nur noch zeitweilig besetzt. Die Pastoren Alexander Burghart und Wladimir Michelis wurden in die Rente verabschiedet. Eine besonders harte Maßnahme traf die bekannte Gemeinde Gussew/Gumbinnen. Als zuletzt, erst 2010 angestellte Mitarbeiter mußte das Pastorenehepaar Tatiana und Wladimir Wagner Mitte September entlassen werden.

 

Bei gewachsener Arbeitsbelastung wurden die Gehälter der verbliebenen Pfarrer und Mitarbeiter um 5% gekürzt. Nun hat Pastor Igor Ronge 11 Gemeinden; Pastor Ruslan Semenjukow (der Ehemann der Pröpstin) hat sogar 14 Gemeinden zu betreuen. Als Rentner ist Wladimir Michelis aus Bolschakowo/Kreuzingen „nur“ noch für vier Gemeinden verantwortlich. Es gibt noch einen sechsten Geistlichen bzw. Geistliche: die in Tschernjachowsk/Insterburg ansässige Vikarin Swetlana Jantschurkina. Nur vier dieser sechs Geistlichen werden aus dem Topf der Propstei besoldet.

 

Diakonische Mitarbeiter – etwa die Direktoren der diakonischen Arbeit in Gussew und im benachbarten Carl-Blum-Haus sowie das Kinderheim bei Slawsk/Heinrichswalde – werden aus anderen Töpfen entlohnt. Das Gleiche gilt für die neue Kaliningrader Gemeindevorsit-zende Varia Muradowa, die seit Jahren die Jugend- und Kinderarbeit der Propstei leitet. Doch auch die Diakonie ist kleiner geworden: Aus Spendenmangel mußte Ende Februar das Kaliningrader Straßenkinderprojekt „Jablonka“ geschlossen werden.

 

Gottesdienste auf den Dörfern werden nun 14-tägig durchgeführt; in den Städten, wöchentlich. Ein Ausbildungskurs für freiwillige Lektoren wird Anfang Dezember anlaufen. Er soll dafür sorgen, daß auch auf den Dörfern wöchentlich Gottesdienste stattfinden. Noch vor wenigen Jahren wurde von 46 Ortsgemeinden gesprochen; heute wird die Zahl 37 angegeben bei einer gesamten Mitgliederzahl von ca.1.000. Es hat jedoch in letzter Zeit keine Gemeindeschließungen gegeben.

 

Nun sollen die laufenden Kosten von den Mitgliedern der Propstei selbst aufgebracht werden. Dafür wurde ein fester Spendenbeitrag eingeführt: 50 Rubel (1,19 Euro) je Monat und Mitglied. Doch in besonderen Härtefällen sind Ausnahmen möglich. Trotzdem gibt es einige wenige Kritiker. Ihnen fällt es schwer einzusehen, daß man selber zu spenden habe, auch wenn die Besucher aus dem Westen sehr viel mehr auf dem Konto haben. Doch dahinter steckt für die Propstei auch ein geistliches Prinzip: Dem neutestamentlichen Beispiel folgend trage es zur geistlichen Stärkung des Ganzen bei wenn auch die „armen Witwen“ ihre zwei Scherflein einlegen.

 

Pröpstin Goloschapowa erläutert: „Früher wurde für alles Mögliche gespendet, doch jetzt bitten wir um westliche Spenden nur noch für konkrete Projekte.“ Gemeint damit sind die Sonderprojekte Diakonie, die Kinder- und Jugendarbeit sowie Baumaßnahmen. Der Berliner Pfarrer i.R. Thomas Passauer, ein langjähriger Helfer in der Propstei, versichert, daß schon wegen der Sonderprojekte eine starke Öffentlichkeitsarbeit Richtung Westen weiterhin vonnöten sei.

 

Pfarrer Vieweg fügt hinzu: „Hier handelt es sich nicht um eine Abwicklung, sondern um den Umbau auf ein Maß, das auch für die heimischen Kräfte tragbar ist.“ Die Pröpstin stellt fest: „Jetzt können wir unsere Leistungen für die verbliebene Arbeit garantieren. Wir haben endlich ein Budget (110.000 €, 2013) , das übersichtlich, transparent, bezahlbar und stabil ist.“

 

Lag Selbsttäuschung vor? Ein Kommentar.

Es gibt Indizien dafür, westliche Helfer hätten den Zustrom der Deutschstämmigen aus Mittelasien und Sibirien ins Kaliningrader Gebiet ab den 70er Jahren als eine deutsche Besiedlung im Sinne des 18. Jahrhunderts mißverstanden. Denn bei diesen „Neusiedlern“ handelte es sich nicht um Kommende, sondern um Gehende. Wie bereits vorher in den drei baltischen Staaten handelte es sich im Wesentlichen um vorübergehend aufgehaltene Aussiedler auf dem Wege nach Deutschland. Und mit Abrückenden auf Zwischenstation ist bekanntlich der Aufbau von Gemeinden kaum möglich. Das führte dazu, daß gutwillige, heimatverbundene Ex-Königsberger aus Deutschland mit ihrem Wunschdenken Geld in den Sand setzten. Im Gebiet gab es eben nicht ausreichend seriöse, ortsfeste Menschen, die das investierte Geld hätten richtig umsetzen können.

 

Doch die Pröpstin will sich für keine Verurteilung hergeben. „Wir wollen möglichst alle Projekte unter die Lupe nehmen. Jede Immobilie – bzw. Kirche - hat ihre eigene Geschichte. Man muß prüfen, ob es da noch eine Gemeinde gibt. Und sind die Immobilien und Gemeinden auch richtig registriert? In diesen Fällen gibt es keine allgemeine Antwort.“ Doch mit dem Wildwuchs, dem Loslegen auf eigene Faust, soll möglichst Schluß gemacht werden. „Laßt uns als Propstei mitreden“, beschwört sie. Gleichzeitig „sind alle Spender eingeladen, hierher zu kommen und nachzuprüfen, was aus ihren Spenden geworden ist“.

 

Die Zukunft

Für Maria Goloschapowa ist eins sicher: Diese Kirche im Gebet Kaliningrad hat eine Zukunft – aber es wird russischer zugehen. „Wir haben viele Jugendliche, doch sie kommen aus Rußland, der Ukraine und Weißrußland. Und für den Dienst auch mit Kindern werden wir weiterhin ausländische Unterstützung benötigen. Wir dürfen nicht offen missionieren, doch über diese Projekte haben wir Zugang zu vielen Menschen.“

 

Die Diensttuenden im Gebiet sind auch längst keine Anfänger mehr – bis auf die Vikarin bekleiden alle seit mehr als einem Jahrzehnt ein geistliches Amt. Die Pröpstin und ihr ukrainischer Ehemann traten schon vor mehr als 10 Jahren ihren Dienst im Raum Tschernjachowsk an. Sogar der in Moskau ansässige Erzbischof der „Evangelisch-Lutherischen Kirche“, Dietrich Brauer (geb. 1983), hatte sich gemeinsam mit seiner Frau, Pastorin Tatiana Petrenko, als Pfarrer im Raum Gussew 2006-2010 bewährt.

 

Frau Goloschapowa ist längst nicht die einzige Pröpstin der „ELK“: Elena Bondarenko, die rechte Hand des Erzbischofs in Moskau, und Inessa Thierbach in Orenburg/Ural tragen den gleichen Titel. Insgesamt dienen rund 12 ordinierte Frauen im Rahmen der ELK Rußlands.

 

Weiterhin gibt es nirgendwo in Rußland eine Gegend, die eine höhere Dichte an lutherischen Gemeinden aufweist als das Gebiet Kaliningrad. In ihm gibt es neben Orthodoxen auch noch etwa 2.000 Katholiken sowie zusammen rund 1.000 Pfingstler und Baptisten. Im gesamten Gebiet Rußlands hat die ELK rund 25.000 Mitglieder.

 

Nachtrag von April 2020: Unerwarteterweise ist Maria Goloschapowa gemeinsam mit ihrer Familie 2014 nach Deutschland ausgewandert. Im Jahr danach kehrte Thomas Vieweg nach Deutschland zurück.

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 25. Oktober 2013

 

Eine journalistische Veröffentlichung im Rahmen der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der der Allianz-Leitung zu vertreten. Diese Meldung darf gebührenfrei abgedruckt werden wenn die Quelle angegeben wird. Meldung Nr. 13-18, 1.126 Wörter