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Wsewolod Tschaplin - Aufruf zur kirchlichen Einheit

Ohne Christus keine Orthodoxie

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Ein entlassener orthodoxer Redakteur warnt vor künftigen Gefahren

 

S m o l e n s k – Der russische Staat und die Kirche befinden sich im Umbruch. Das ist die Einschätzung des orthodoxen Publizisten Sergei Tschapnin. Ihm wurde im Dezember gemeinsam mit dem wortgewaltigen Erzpriester Wsewolod Tschaplin, vielleicht der am meisten bekannten russisch-orthodoxen Persönlichkeit nach dem Patriarchen, gekündigt. (Siehe unseren Bericht vom 28. Dez.) Dank des Preissturzes beim Rohöl und des Rückgangs westlicher Zuwendungen steht auch die russische Orthodoxie vor einer Phase der Neubesinnung und der Sparmaßnahmen.

 

Tschapnin meint nicht, die Entlassung von Wsewolod Tschaplin, einem konservativen Nationalisten, sei als eine Bewegung des Patriarchen Kirill nach links zu werten. Denn Tschapnin, der gekündigte Chefredakteur des „Journals des Moskauer Patriarchats“, gehört dem entgegengesetzten, liberalen Flügel an. Nach seiner Überzeugung geht es dem Patriarchen darum, die Kirche stromlinienförmiger zu gestalten und die Einheitsfront hervorzukehren. Die gesamte Kirche „soll nun mit einer einzigen Stimme sprechen, eine Meinungspalette ist nicht mehr erwünscht“.

 

In einem Interview mit der “Portal-Credo”-Webseite am 5. Januar sprach Sergei Tschapnin – sowohl er wie Tschaplin sind 1968 geboren – von Unwägbarkeiten hinsichtlich des künftigen Weges der Kirche. Bis sich Anfang 2014 die russisch-ukrainischen Beziehungen massiv verschlechterten, war es dem gewöhnlichen orthodoxen Kirchgänger der Ukraine nicht sonderlich wichtig, ob seine Pfarrei dem Moskauer Patriarchat oder dem abtrünnigen, international nicht anerkannten Kiewer Patriarchat angehörte. Doch das hat sich völlig gewandelt: ob es sich um „unsere“ oder „ihre“ Kirche handelt, ist heute wesentlich. Er weist darauf hin, Onufrij, Metropolit der „Ukrainischen Orthodoxen Kirche – Moskauer Patriarchat“, habe am 28. Dezember still und leise erlassen, daß Patriarch Kirill nicht weiterhin als Teil der sonntäglichen Liturgie genannt werden muß. Da vielleicht nur noch 20% der ukrainischen Bevölkerung loyal zur UOK-MP steht, sagt Tschapnin eine „geopolitische Katastrophe“ für seine Kirche voraus. Das Moskauer Patriarchat war jedenfalls bis vor kurzem die größte christliche Denomination der Ukraine. Tschapnin meint, eine pragmatische Union zwischen ihm und dem Kiewer Patriarchat, die auf den Bindestrich hinter dem Namen verzichtet, sei nicht mehr auszuschließen. In diesem Interview warnt der Moskauer Publizist davor, Religion mit Volkszugehörigkeit zu vermengen. Eine Kirche, die sich als russisch versteht, müsse auf künftige Krisen u.a. in Belarus und Kasachstan gefaßt sein.

 

Tschapnin hält die Moskauer Zentrale seiner Kirche für massiv überbesetzt und vertritt die Meinung, daß die Strukturen seiner Kirche schneller als erforderlich gewachsen sind. Deshalb werde ein „Gesundschrumpfen“ unvermeidbar sein. Nach Auffassung des Verfassers gilt das Gleiche auch für die freikirchlichen Gemeinschaften. Die Finanzierung aus dem Ausland hat eine Überdehnung von Programmen und Mitarbeiterzahlen ermöglicht, die die Kirchen im Lande selbst nie tragen können. Die theologische Ausbildung von Pastoren stand nie hoch im Kurs bei den russischen Laien; deren Zukunft ist nun eindeutig gefährdet.

 

Am Ende des Interviews macht Sergei Tschapnin die interessante Feststellung, Rußland ahme das US-Modell einer zivilen Religion (civil religion) nach. Er nennt ihre russische Variante eine „Mischreligiosität“, denn ihre Ahnengalerie umfaßt russische sowie sowjetische Größen. Obgleich der „US-Gott“ kein eindeutig christlicher Gott sei, handele es sich nichtsdestotrotz um ein metaphysisches Absolut. Die russische Variante hingegen sei eine reine pragmatische Religion. Beide Fassungen „haben messianische Züge, doch ein fundamentaler Unterschied besteht darin, daß die nachsowjetische Form über keinen Gott verfügt“. Er nennt diese Mischform „eine Orthodoxie ohne Christus“. Tschapnin will deshalb auf einen einfachen Glauben vertrauen, der auf “Familienwerte” und ähnliche anti-westliche Ideologien verzichtet. „Jene, die leise und betend leben, werden bestehen.“

 

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Ein Aufruf zur kirchlichen Einheit in Rußland

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Baptisten und andere begehen den 140. Jahrestag der Russischen Synodalbibel

 

S m o l e n s k – Pastor Witali Wlasenko, Abteilungsleiter für Außenbeziehungen bei der in Moskau beheimateten „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“, möchte dafür sorgen, daß in diesem Jahr seine Kirche für einen lauten Appell zugunsten der christlichen Einheit sorgt. Im September vergangenen Jahres stattete der russische Staat die Baptistenunion mit Geldern aus, die für das Abhalten von Veranstaltungen zugunsten des 140. Jahrestages der Russischen Synodalbibel bestimmt sind. Erst seit 1876 steht den Russischsprachigen eine Bibel in der Alltagssprache zur Verfügung. Verwendet von orthodoxen und allen anderen Christen, trug deren Erscheinung zu einem geistlichen Aufschwung und zur Gründung mehrerer evangelischer Denominationen bei.

 

Eine Feierstunde mit Beteiligung aller größeren russischen Denominationen ist für den 17. März in der Moskauer „Peter-und-Paul Kathedrale“ der Lutheraner vorgesehen. Ihr sollen sich über zwei Tage erstreckende Seminare im baptistischen „Moskauer Theologieseminar“ folgen. Ein kleinerer Empfang soll am 19. Februar in Moskau stattfinden. Straßenplakate und Bibellesungen an öffentlichen Plätzen sollen Menschen dazu ermutigen, zur Bibel zu greifen. Für den 4. Juni ist ein Großereignis auf dem Roten Platz vorgesehen. Wlasenko versicherte: „Wir möchte unterstreichen, daß alle russischen Kirchen die Bibel ernstnehmen und, daß wir gemeinsam für das Gedeihen der Gesellschaft und der Menschen überhaupt streiten.“

 

Inflation sowie der Verfall der russischen Währung werden dafür sorgen, daß sich diese öffentlichen Ereignisse innerhalb enger finanzieller Grenzen bewegen.

 

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Dr. phil. William Yoder
Smolensk, den 30. Januar 2016

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