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John MacArthur in der Ukraine

Samara II. ist im Kommen

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Die Baptistenunion der Ukraine distanziert sich von John MacArthur

 

M o s k a u – Der Schein kann trügen: Am 7. März hat sich die gesamte Führung der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB) in fröhlicher Runde mit John MacArthur an seinem Arbeitsplatz bei Los Angeles ablichten lassen. (Das sind Präsident Peter Mitskewitsch, sein Vize Wiktor Ignatenkow und Verwaltungsleiter Wladimir Miskewitsch.) Das Ereignis hält die Facebook-Seite von Miskewitsch fest. Doch genau ein Tag zuvor, am 6. März, hatte sich die „All-Ukrainische Union von Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten» in einer ausführlichen Stellungnahme von der Arbeit des John MacArthur verabschiedet.

 

Diese Stellungnahme teilt mit, daß ein erheblicher Teil der Dozenten – nicht jedoch der Rektor - aus dem Unions-eigenen „Irpener Bibelseminar“ („Irpin“ auf Ukrainisch) ausziehen und ein MacArthur zugehöriges Schulungszentrum schaffen wird. Das Magister-Programm in diesem 1999 bei Kiew gegründeten Seminar war sowohl finanziell wie inhaltlich gänzlich von MacArthurs „Master’s Academy International“ getragen worden.

 

Laut dieser Stellungnahme soll der Konflikt über „theologische, moralische und ethische Fragen“ dazu geführt haben, daß „die amerikanischen Partner die Finanzierung des Seminars vollständig eingestellt“ haben. Seit Anfang der 90er Jahre ist die theologische Arbeit des Calvinisten MacArthur in nahezu allen baptistischen Kreisen der Ukraine bekannt. Doch inzwischen habe sich – laut Stellungnahme - die ursprüngliche „Bewunderung durch offene Kritik und Tendenzen zur Spaltung ersetzt“.

 

Dabei versichert die Unionsleitung, die theologische Debatte zwischen der Jahrhunderte alten „calvinistischen und arminianischen Tradition“ müsse nicht zwangsläufig zur Kirchenspaltung führen. Der theologische Diskurs zwischen ihnen könne sogar produktiv sein. Es habe sich jedoch in diesem Falle theologische „Radikalität, Proselytismus“ und ein inakzeptabler „Geist des Separatismus“ breitgemacht.

 

In dieser Stellungnahme wird ein acht Punkte umfassendes „Sündenregister“ aufgezählt. Thesen wie die „eingeschränkte Erlösung“ (limited atonement), „die wir nie geteilt haben“, wurden ständig forciert. Es wurden fast ausschließlich die Bücher eines einzigen Autors (MacArthur) „gedruckt und verteilt“. Es wurden Gemeinden gegründet, die keineswegs die Absicht hatten, in die offizielle Baptistenunion einzutreten. „Finanzielle Unterstützung wurde als Druckmittel bei der Entscheidungsfindung in dogmatischen Fragen verwendet.“

 

Das Papier versichert bei Punkt Sieben: „Wir in der Ukraine wollen keine Wiederholung der Situation, die wir in den slawischen Kirchen der Vereinigten Staaten und Russlands beobachtet haben. . . . Wir schätzen die Einheit des Volkes Gottes und sehen keine ausreichenden und berechtigten Gründe für eine Politik der Trennung. Wir teilen nicht die Auffassung des sogenannten ‚biblischen Separatismus‘."

Der abschließende Punkt stellt fest, die Anhänger MacArthurs beabsichtigten, „ein neues Schulungszentrum zu gründen, das in keiner Verbindung zu (unserer Union) steht, jedoch gleichzeitig das Ziel hat, unsere Diener zu schulen“. Wir „halten es für unmöglich, unseren Pastoren und Mitgliedern eine Ausbildung in diesem Zentrum im Falle seiner Entstehung zu empfehlen.“

 

Kommentar

Hiermit wird ein unausgesprochenes „Tauschgeschäft“ aufgekündigt, das seit mehr als zwei Jahrzehnten im einst sowjetischen Raum existiert. Eine Baptistenunion erhält finanzielle Unterstützung aus den USA, wenn sie im Gegenzug den Mitarbeitern MacArthurs Zugang zu ihrer Jugend und Bildung gewährt. So in etwa läuft es seit mehr als zehn Jahren im Predigerinstitut MacArthurs in Samara/Rußland. Nun soll dieses Modell auf die Ukraine übertragen werden: ein von der Baptistenunion unabhängiges Institut, das baptistische Pastoren schult. Nennen wir den neuen Versuch „Samara II“.

 

Das Schreiben der Union teilt unumwunden mit, daß der in Illinois beheimateten „Slavic Gospel Association“ die Aufgabe zufallen wird, neue Unterstützer für das Irpener Seminar zu finden. Neuer Präsident der SGA ist der ehemalige Geschäftsmann Michael Johnson. Sein Vorgänger, Robert Provost, der von 1994 bis April 2017 das Amt innehatte, war mit der Arbeit des John MacArthur eng verbunden. Nun wird sich zeigen, ob sich Johnson in gleicher Weise der Sache MacArthurs verpflichtet fühlt.

 

In einem nur kurz vorhandenen Beitrag auf seiner Facebook-Seite hatte der Moskauer Theologe Gennadi Sergienko der Ukrainischen Union zur Trennung von MacArthur gratuliert und gefragt: Wie lange wird es nun dauern bis die Leitung der Russischen Baptistenunion zu einem ähnlichen Ergebnis kommt? Der Theologe betont, es sei nicht der Calvinismus an sich am Pranger, sondern „ein neo-calvinistischer Fundamentalismus mit einem exklusiven Anspruch auf den Besitz der Wahrheit“. Nun fürchtet er, es könne sich in der Ukraine derselbe Separatismus auftun (die Entstehung einer zweiten Kirche innerhalb einer bestehenden Kirche), der sich bereits in Samara gezeigt hat. Sergienko, der am renommierten Fuller-Seminar unweit von MacArthur promovierte, ist der am besten ausgebildete baptistische Theologe Rußlands. Er ist Dekan des Moskauer Seminars der RUECB.

 

Er und andere sind der Auffassung, Freikirchen in einer teils feindseligen Diaspora können sich schwerlich eine anti-interkonfessionelle und anti-pfingstlerische Theologie leisten. MacArthur ist u.a. dafür bekannt, das Wirken des argentinischen Papstes als „satanisch“ zu bezeichnen. Es versteht sich von selbst, daß seine Haltung zur Orthodoxie ähnlich ist. Zu seinen Gegnern zählen Franklin Graham und Rick Warren. Außerdem schaut der Kreml mit zunehmendem Argwohn auf vom Westen finanzierte kirchliche Initiativen. Das ist ein weiterer Grund dafür, daß das Foto der RUECB-Leitung aus Kalifornien zuhause auf Bedenken stößt.

 

Ewgeni Bachmutski, der bekannteste Verfechter der Linie MacArthurs in Rußland, kommt kirchenpolitisch voran. Die von ihm geschaffenen Gemeinden im Moskauer Raum gedeihen. Nach seiner Abwahl als Leitender Vizepräsident der RUECB 2014 hat er sich – im Gegensatz zu anderen ehemaligen Amsträgern - mit der gegenwärtigen Unionsleitung nicht überworfen. Nun ist er sogar im Gespräch als Nachfolger von Präsident Peter Mitskewitch. Das wird aber erst 2022 oder 2026 aktuell. Die Wahl eines überzeugten Calvinisten würde zweifellos den Exodus aus der RUECB beschleunigen. Noch hat sie rund 70.000 Mitglieder; bei der Wahl eines MacArthur-vertretenden Präsidenten würde wahrscheinlich bis zu einer Hälfte der Gemeinden den Gemeindebund verlassen.

 

Die „All-Ukrainische Union von Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten“ hat rund 113.000 Mitglieder. Präsident der ukrainischen Union ist seit 2010 Waleri Antoniuk. Hauptverbündeter MacArthurs auf deutschem Boden sind die Aussiedlergemeinden des Berliners Johann Friesen. Unter den Gemeinden des heimischen, deutschen Baptistenbundes ist der Kalifornier nahezu unbekannt.

 

Dr. phil. William Yoder
Berlin, den 9. April 2019

 

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