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Seminarsorgen in Rußland

Vorlesungsausfälle in Rußland

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Das Moskauer Baptistenseminar arbeitet wieder

 

M o s k a u – Mit dem 1. April ist das führende Seminar der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten, das „Moskauer Theologieseminar“, wieder „im Geschäft“. Seit rund 18 Monaten stehen die protestantischen Bildungseinrichtungen des Landes unter Druck. Beginnend im November letzten Jahres werden theologische Einrichtungen immer wieder geschlossen, meistens für eine Frist von 60 Tagen. Es wird erwartet, daß sie innerhalb dieser Frist alle Verstöße gegen Baubestimmungen sowie Verstöße gegen medizinische und bildungsmäßige Standards beheben. Eine solche Suspendierung traf dieses Moskauer Seminar am 25. Januar. Die Maßnahme wirkte besonders drakonisch, denn das gesamte Gebäude wurde versiegelt. Allgemeine Veranstaltungen wie das Abhalten von Gottesdiensten durch Gemeinde-Mieter wurden zwei Monate lang verhindert. Sie mußten auf andere Orte ausweichen. Die Dienste als Herberge für Durchreisende mußten ebenfalls eingestellt werden.

 

Es besteht öffentliche Verwirrung bezüglich des Umfangs der eingeleiteten Maßnahmen. Ein umfangreicher Bericht des Osloer Nachrichtendienstes „Forum 18“ vom 25. März hinterläßt den Eindruck, es seien nur zwei Moskauer Seminare geschlossen worden. Vor Ort wurde dem Verfasser Ende März wiederholt mitgeteilt, alle protestantischen Seminare Moskaus bis auf das überkonfessionelle, von Alexander Zuzerow geleitete, „Moskauer Seminar evangelischer Christen“ seien geschlossen. Diese 2007 eröffnete Einrichtung wird von der „One Mission Society“ (OMS) – einst „Oriental Missionary Society“ - unterstützt.

 

Forum 18 gibt an, die große Mehrheit evangelischer Seminare habe niemals über eine staatliche Anerkennung verfügt. Ein Zitat: „Religiöse Bildungseinrichtungen sind keineswegs verpflichtet, eine staatliche Anerkennung zu erlangen. Viele arbeiten ohne sie seit Jahren.“ Zu ihnen zählen auch lutherische und römisch-katholische Einrichtungen. Das genannte baptistische Seminar hat nun seine Tore wieder aufgemacht ohne staatlich-anerkannte Kurse im Angebot. Offensichtlich kann ein Seminar ohne die staatliche Anerkennung frei arbeiten, jedoch nicht ohne eine Lizenz. Nur ein rudimentärer, inoffizieller Unterricht bedarf keiner Lizenz.

 

Es ist wichtig anzumerken, daß auch muslimische und orthodoxe Bildungseinrichtungen einer genauen Überprüfung unterworfen sind. Das Vorgehen gegen theologische Einrichtungen ist auch Teil einer größeren Bewegung zur Schließung nahezu aller nichtstaatlichen Hochschulen. Eine staatliche Zentralisierung ist unterwegs; private Universitäten (die in Moskau und Kaliningrad vertretene „Internationale Universität“ z.B.) und seriöse Sprachenschulen (in Elektrostal bei Moskau) sind nicht länger tätig.

 

Nach Auffassung des Anwalts Wladimir Osolin sind die gegen Seminare gerichteten Maßnahmen „systemisch und beabsichtigt“. Osolin vertritt die führende „Vereinigte Russische Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“ (ROSChWE). Ihr Moskauer Seminar wurde ebenfalls vorerst geschlossen. Moskauer Beobachter meinen, dank einer mehrschichtigen Gesetzgebung bestünden genügend Anlässe, um jede beliebige Einrichtung schließen zu können. Ihnen ist nicht verständlich, warum gerade das von Zuzerow geführte Einrichtung verschont geblieben ist.

 

Kommentar

Man könnte behaupten, der russische Staat dränge die theologische Ausbildung in eine Richtung, die sie bereits von sich aus eingeschlagen hat. Die Seminarausbildung war schon immer jenen suspekt, die in einem „Überflugsgebiet“ - so nennen es die US-Amerikaner – leben. Wer einen anspruchsvollen theologischen Abschluß ergattert, landet üblicherweise in einer Großstadt oder im Westen. Oder sie vertreten eine Theologie, die in der alten Heimat nicht verstanden wird.

 

Darum wird heute der Schwerpunkt auf die Bildung bereits aktiver Pastoren gelegt – nicht auf die klassischen Theologiestudenten. Fernunterricht, die sowjetische Option, scheint sowohl das vergangene wie das künftige Modell zu sein. Seminare stehen ohnehin für Patriotischgesinnte unter Verdacht, weil der Grad ihrer ausländischen Unterstützung meistens weit über dem Durchschnitt liegt – manchmal nahezu 100% beträgt. Als verzichtbarer Dienst für viele im Überflugsgebiet werden sie ohne ausländische Ressourcen nicht bestehen können. Diese Abhängigkeit macht Bildungseinrichtungen am meisten anfällig für das „Einmischen“ von außen.

 

Neue überkonfessionelle Körperschaft in der Ukraine

Es ist nicht immer leicht zu belegen, doch die politische Logik würde annehmen, daß die enge Zusammenarbeit zwischen ukrainischen Protestanten und dem Kiewer Staat negative Auswirkungen auf die Schwestern und Brüder im benachbarten Rußland hat. Der baptistische Laienpastor Oleksandr Turtschynow war federführend bei der Gründung eines „All-Ukrainischen Rates“ von Kirchen am 22. Januar. Zu den Gründungsgliedern gehören führende Baptisten und Pfingstler wie Waleri Antoniuk und Michail Panotschko. Turtschynow, der Koordinator des Rates, ist als Staatsminister zuständig für Sicherheit und Verteidigung. Er gilt als Gründer und Financier der neuen Organisation. Führende Baptisten, Turtschynow z.B., stimmen für Poroschenko bei den gegenwärtigen Wahlen. Turtschynow selbst gehörte ursprünglich zum Lager der Julia Timoschenko. Ihm wird vorgeworfen, für den militärischen Angriff auf die pro-russischen Rebellen im Donbass im April 2014 am meisten verantwortlich zu sein.

 

Natürlich stehen die Protestanten der Ukraine nicht vorbehaltlos zur Politik der Hillary Clinton – der gegenwärtige Trump findet mehr Anhänger. In seiner Eröffnungsrede beim Rat unterstrich Turtschynow, daß der neue Rat keineswegs ökumenisch sei; er trete vielmehr für Familienwerte und gegen die Geschlechterpolitik ein. In einem von der Webseite der Baptistenunion übernommenen Aufsatz führt Turtschynow die westlichen Sympathien für die Homosexualität auf den Marxismus zurück. Dabei begeht Turtschynow meiner Meinung nach den Fehler, der in den USA heute auch üblich ist: „Liberal“ und „links“ werden als austauschbare Synonyme gebraucht. Doch der osteuropäische Kommunismus nach 1945 war links – nicht liberal. Breschnew, Mao, Stalin und Castro waren Linke, nicht Liberale, die etwa die Rechte sexueller Minderheiten hochgehalten hätten.

 

Die neu-anerkannte orthodoxe Konfession der Ukraine, die einst Moskau unterstand, gibt sich nicht weniger loyal gegenüber Kiew als die dortigen Evangelischen. Die russische Orthodoxie ist jedoch sehr viel eher imstande, sich innerhalb der Grenzen Rußlands zu behaupten. Die neuesten, massiven Niederlagen der Russischen Orthodoxen Kirche in der Ukraine haben ihr stark zugesetzt. Sie will dafür sorgen, daß keine weiteren Rückschläge auf russischem Boden erfolgen.

 

Dr. phil. William Yoder
Berlin, den 9. April 2019

 

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