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Zukunft der Seminare ungewiß; Neuer lutherischer Bischof

Russische Seminare verharren in der Schwebe

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Die Zukunft bleibt ungeklärt

 

L a d u s c h k i n – “Machen wir so gut wie es geht weiter.” Das schien der Konsens zu sein nachdem am 27. Februar das baptistische „Theologische Seminar Moskau“ (MTS) mit seinem Bemühen um die Neu-Registrierung gescheitert ist. Das Gericht fuhr die Absage auf formelle und bürokratische Gründe zurück, was das Rätseln unter den Beobachtern über die wahren Ursachen keineswegs eindämmte. Gegenwärtig wird nur zwei protestantischen Bildungseinrichtungen im Moskauer Raum Vorlesungen in den eigenen Räumlichkeiten gestattet: Die „Adventistische Universität Saokski“ im südlichen Gebiet von Tula und das von Alexander Zuzerow angeführte „Moskauer Seminar der Evangeliumschristen“. Zuzerows anhaltender Erfolg wird auf seine Beziehungen in die oberen Etagen des russischen Staates hinein zurückgeführt.

 

Ein Dozent erklärt, man sei zz. auf der Suche nach gesetzlichen Schlupflöchern, die eine Form von Vorlesungen gestatten würden. Unterricht im Namen der Union der russischen Baptisten ist weiterhin legal – was dem eigenen Seminar jedoch verwehrt ist. Sowohl das MTS wie das Seminar der „Vereinigten Russischen Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“ (ROSChWE) bemühen sich um eine Zulassung von Fortbildungsmaßnahmen für solche, die bereits über einen ersten theologischen Abschluß verfügen. Das Seminar der ROSChWE versucht den Umstieg auf eher nichttheologische Berufsschulungen und auf pädagogisches Training. Die Baptisten bemühen sich um einen theologischen Unterricht, der außerhalb der Wände ihres Seminars stattfindet. Das baptistische Musikinstitut „Logos“ z.B. betreibt einen theologischen Unterricht völlig außerhalb des MTS.

 

Mit weiteren juristischen Bemühungen ist zu rechnen und die stille Unterstützung bestimmter orthodoxer Kreise stimmt manche Baptisten optimistisch. Dennoch sieht die nächste Zukunft nicht sonderlich günstig aus: Eine Meldung der „TASS“ vom 6. April berichtet von einer künftigen Gesetzgebung, die das Wirken ausländischer NGOs weiter einschränkt. Dabei bezieht sich die Agentur auch auf nicht-politische, ausländisch-finanzierte Bildungseinrichtungen als NGOs, die wahrscheinlich weiteren Sanktionen und Untersuchungen ausgesetzt sein werden. Wie wir bereits in unserer Meldung vom 15. Februar 2020 erwähnten, sind protestantische Bildungseinrichtungen in starkem Maße von ausländischen Finanzen abhängig.

 

Diese Themen sind im Augenblick nicht sonderlich aktuell, denn seit Ende März sind wegen der Pandemie Saokski und das Seminar von Zuzerow ebenfalls geschlossen.

 

331 Wörter

 

15.4.20

Anmerkungen eines Mitarbeiters des „Moskauer Seminars der Evangeliumschristen“ (MECS). Ich „verneine die Gerüchte, daß die Fortsetzung der Arbeit des Seminars auf ‚Beziehungen in die oberen Etagen des russischen Staates hinein zurückzuführen’ ist. Die Erfolge des Seminars während der Überprüfungen durch die ‚Rosobrnadsor’ führe ich auf die gut durchdachte Arbeit meiner Kollegen zurück. Noch lange vor dem Eintreffen der Inspektoren begannen wir mit der Vorbereitung der Dokumentation zur Erfüllung der von der Rosobrnadsor verlangten Forderungen. Die Kontrolleure haben uns hart angefaßt, doch sahen sie ein, daß wir unser Bestes gegeben hatten. Während der dreitägigen Überprüfung waren meine Kollegen buchstäblich Tag und Nacht im Einsatz. Deshalb ist uns dies gelungen – ohne Magie, ohne hoch-angesiedelte Staatsbeamte, nur eben durch harte Arbeit.“

 

„Wie Sie wissen, kam man beim „Theologischen Institut Moskau“ (MTI) („Russische Kirche der Christen evangelischen Glaubens“ – Grabowenko) sowie bei der „Christlichen Universität Sankt-Petersburg“ (SPChU) zum gleichen Ergebnis. Sie wurden auch den Untersuchungen unterworfen und durften ihre wissenschaftliche Zulassung beibehalten ohne den behaupteten Zugang zu den ‚oberen Etagen’.“

 

„Unser Seminar ist wegen COVID-19 nicht geschlossen worden. Alle Mitarbeiter und Dozenten arbeiten von zuhause aus. Dank der Zoom-Plattform werden die Vorlesungen on-line weitergeführt.“

 

Anmerkung des Redakteurs: Rosobrnadsor heißt “Föderale Aufsichtsbehörde für den Bereich Bildung und Wissenschaft“.

 

 

Ein neuer lutherischer Bischof in der ingermanischen Kirche

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Iwan Latew wurde am 9. Februar eingeführt

 

Am 9. Februar wurde Iwan Sergejewitsch Latew als Bischof der in Sankt Petersburg beheimateten „Evangelisch-Lutherischen Kirche Ingermanlands in Rußland“ (ELKIR) feierlich eingeführt. Er folgt dem 1953 geborenen Arri Kugappi, der 1996 der erste in Rußland geborene Bischof der Kirche seit den 30er Jahren wurde. Kugappi trägt nun den Titel „Bischof-Emeritus“. Latew war bereits am 19. Oktober 2019 zum Bischof gewählt worden.

 

Iwan Latew, der 1979 in einem östlichen Vorort Sankt Petersburgs zur Welt kam, wurde im Jahre 2000 Katechet dieser Kirche. Elf Jahre später wurde er als Pastor ordiniert; schon ein Jahr danach leitete er die Missionsabteilung der Kirche von Ingria. Im Jahre 2015 wurde er Rektor des Seminars im Großraum St. Petersburg. Latew hat den Ruf, ein begabter Kommunikator und Lehrer zu sein. Seine Denomination hat finnische Wurzeln und er soll sogar der finnischen Sprache mächtig sein.

 

Bei der Feierstunde in der Petersburger “Marienkirche” am 9. Februar legten Bischöfe aus Lettland, Estland und Finnland dem neuen Bischof die Hände auf. Neben Kugappi war Wsewolod Lytkin von der in Akademgorodok beheimateten “Evangelisch-Lutherischen Kirche Sibiriens” der einzige andere Bischof aus Rußland, der an dem Akt beteiligt war. Die ELKIR versteht sich als eine konservative Bekenntniskirche, die das Buch Concord aus dem Jahre 1580 sehr ernst nimmt. In Nordamerika ist sie mit den Synoden (Kirchen) von Missouri und Wisconsin verbunden. Beobachter sehen in Latew einen überzeugten lutherischen „Konfessionalisten“, dem eine Verständigung mit der größeren „Evangelisch-Lutherischen Kirche Rußlands“ (ELK) nicht als eine erste Priorität einstuft.

 

Wir berichteten am 3. Dezember 2019 darüber, daß die in Omsk beheimatete „Evangelisch-Lutherischen Kirche Ural, Sibirien und Ferner Osten“ sehr an einer Einigung mit Ingria gelegen sei. Als Kirche mit einer konservativen, pietistischen Orientierung wäre sie als Vermittlerin zwischen der liberaleren, in Moskau beheimateten ELK und Ingria denkbar. Die Omsker Kirche ist selbst ein regionaler Teil der größeren ELK. Der Moskauer Dietrich Brauer ist Erzbischof der ELK; Bischof in Omsk ist Alexander Scheiermann.

 

Neben der ELK bleibt die ingermanische Kirche Mitglied des Lutherischen Weltbundes aus Genf. Das ist unter den konfessionalistischen Kirchen eine Seltenheit. Der Weltbund gibt die Mitgliederzahl von Ingria als 15.000 an; bei der ELK, 27.450.

 

Iwan Latew ist mit Irina verheiratet; das Paar hat zwei Söhne und zwei Töchter.

 

365 Wörter

 

Dr.phil. William Yoder

Laduschkin, Kaliningrader Gebiet, den 10. April 2020

“kant50(at)web(dot)de”

 

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