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Lukaschenko und die Protestanten

Die Belarussen wollen wir nicht verlieren

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Über das Empfinden der Christen auf russischem Boden

 

L a d u s c h k i n -- Es ist etwa so, wie die englische „Church Times“ am 14. August schrieb: Bezüglich des Staatsführers Alexander Lukaschenko ist die belarussische Christenheit gespalten. Das auch in Belarus führende Moskauer Patriarchat der Orthodoxie begrüßte die Wiederwahl Lukaschenkos; die Protestanten, römische und griechische Katholiken sehen das ganz anders.

 

Brest und Kobrin im Westen befinden sich auf der Schwelle zum Goldenen Westen - die Loyalitäten der Protestanten in diesem Raum sind nahezu durchweg pro-westlich. Die baptistische Hochburg Kobrin ist besonders eng mit den Glaubensgeschwistern in der angrenzenden West-Ukraine verbunden. Ein wenig anders sieht es an der östlichen Grenze des Landes aus: Etwa in Mogilew und Witebsk sind protestantische Freunde Rußlands anzutreffen. Lukaschenko selbst stammt aus dem Raum Mogilew und seine Sippe dort ist vereinzelten Baptisten bekannt.

 

Am ehesten neutral oder pro-russisch sind die traditionellen Baptisten oder Pfingstler, die auf politische Abstinenz stehen. Vier Tage nach der umstrittenen Wiederwahl gab es am 13. August eine Stellungnahme des Baptistenbundes aus Minsk. Die schlichte Mitteilung besteht aus vier Bibelstellen und einem Aufruf zum Gebet, morgens und abends jeweils um neun Uhr. Am 17. August lud die baptistische Zeitung „Kryniza“ die Gestreßten zu einer kostenlosen Erholung im baptistischen Sommerlager bei Kobrin ein.

 

Da tanzte der Minsker Baptistenpastor Dmitri Lasuta aus der Reihe, als er am 19. August an erster Stelle eine ausführliche und sehr politische Stellungnahme protestantischer Pastoren unterschrieb. Die eingangs genannten 32 Pastoren fordern eine Überprüfung der Wahlauszählung und schreiben: „Wenn sich eine Überprüfung der Wahlergebnisse als unmöglich erweist, müssen Neuwahlen für den Präsidenten von Belarus ausgerufen werden.“ Das Schreiben fordert ferner „die Wiederherstellung von Gerechtigkeit“, die Einstellung von Gewalt gegenüber Zivilisten und die Freilassung aller Gefangenen.

 

Die große Mehrheit der Unterzeichner sind aus Pfingstgemeinden. Dementsprechend gab es schon am 16. August Videomitteilungen von Wjatscheslaw Gontscharenko, dem langjährigen Pastor der Pfingstgemeinde „Neues Leben“ im Minsk. Er forderte in seinen Mitteilungen die Staatsvertreter u.a. auf, sich beim Volk zu entschuldigen. Wie etwa im Falle des neutestamentlichen Zachäus verlangte er von ihnen, daß sie die Geschädigten um das Vierfache entschädigen. Er meinte ferner, der Staat habe das Recht verloren, sich an das Volk zu richten. „Wenn ein Kind Wunden aufweist, kann der Staat es von den Eltern wegnehmen. Doch wenn der Staat selbst 1.000 Bürger verletzt, darf das Volk den Staat zu einer sozialen Gefahr erklären.“ Eigentlich liegt die Gemeinde „Neues Lebens“, die sich in einem umgebauten Kuhstall versammelt, bereits seit etwa 15 Jahren mit dem Staat im Clinch. (Siehe unsere Meldung vom 28.06.2011.)

 

Kommentar

Am 16. August warnte Lukaschenko bei einer Kundgebung seiner Anhänger in Minsk vor der NATO mit dem Hinweis, daß bei einem Machtwechsel „schwarzhäutige und gelbmäulige“ Soldaten ins Land eindringen würden. Das erinnert an deutsche (auch kirchliche) Proteste 1923 gegen das Vorhandensein schwarzafrikanischer Soldaten bei der französischen Besatzungsarmee im Ruhrgebiet. Schon aufgrund derart primitiver Äußerungen ist Alexander Lukaschenko als Staatsvertreter moralisch nicht hinnehmbar.

 

Ganz egoistisch wollen wir, die in Rußland leben, Belarus nicht an den Westen abgeben. Heute sind die russischen Staatsbürger größtenteils aus dem Baltikum und der Ukraine ausgesperrt; das wollen sie nicht auch noch in Belarus erleben. Lukaschenko soll gehen – sein Land aber nicht.

 

Jetzt sind die russischen Medien von Kritik an der Person Lukaschenkos proppenvoll. Das geht, denn es heißt zurecht, daß die Sicherheitsgarantien zwischen Rußland und Belarus geschlossen worden sind – nicht zwischen Rußland und Lukaschenko. Spielt die russische Diplomatie ihre Partie gut, kann das Land auch ohne militärisches Eingreifen für den Osten erhalten bleiben. Das wäre ein glücklicher Ausgang für den großen Bruder im Osten – wohl auch für viele Belarussen. In Rußland gilt Belarus in rechtlicher Hinsicht nicht als Ausland – siehe z.B. den traditionellen Bahnverkehr zwischen den beiden Staaten. Dem Abschiednehmen vom europäischen Osten stehen die vorhandenen Bündnisse, die Eurasische Union, Zollunion und der Sicherheitspakt, entgegen.

 

Vor wenigen Jahren teilte mir eine junge Minsker Baptistin, die sich als „Nationalistin“ bezeichnete, mit, daß Belarus genauso wenig russisch sei wie Polen. Das ist jedoch eine völlig unhistorische Auffassung, denn sie übergeht das Gefälle zwischen dem Ost- und Westslawentum. Die Kluft zwischen dem katholischen Westslawentum und dem orthodoxen Ostslawentum besteht seit mehr als einem Jahrtausend. Belarus gehört zum östlichen; das Problem der Ukraine besteht u.a. darin, daß ihre westlichen Gebiete eher dem Westslawentum angehören. Die Griechisch-Katholische Landeskirche der „Uniaten“ in der Westukraine gehört bekanntlich zum Vatikan.

 

Der römisch-katholische Erzbischof von Belarus ist der 1946 bei Grodno geborene Tadeusz Kondrusiewicz. Von 2002 bis 2007 diente er als erster katholischer Erzbischof im heutigen Rußland. In dieser Eigenschaft lernten auch viele Moskauer Protestanten ihn schätzen. Wegen seines guten Rufs wäre er als ehrlicher Makler zwischen Russen und Belarussen bestens geeignet.

 

Ein Grund warum dieses Thema mir wichtig ist? Von 2010 bis 2018 lebten meine russische Gattin und ich in Orscha/Belarus. Anschließend kehrten wir nach Rußland zurück.

 

Dr. phil. William Yoder
Berlin, den 21. August 2020

 

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