Das erste Foto zeigt den großen Chor, der am Vorbereitungsabend, dem 15. Mai, auf zwei Ebenen zu sehen war. Alle Fotos sind Eigentum von William Yoder.
Franklin Graham veranstaltet ein „Festival der Hoffnung“ in Minsk/Belarus
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L a d u s c h k i n -- Ungeachtet einer Reisewarnung der Stufe 4 des US-Außenministeriums, jegliche Reise nach Belarus zu vermeiden, predigte der Evangelist Franklin Graham am 16. und 17. Mai vor überfüllten Rängen in der Tschizhowka-Arena in Minsk. Franklin, der Sohn von Billy, brachte sogar eine Botschaft von Donald Trump mit. Hunderte mußten abgewiesen werden, nachdem die 11.000 Plätze der Arena besetzt waren. Tatsächlich hatten lokale protestantische Kirchen ihre Gemeinden ermahnt, zu Hause zu bleiben, um Platz für Suchende zu schaffen. Doch bis zu 15.000 Menschen könnten am Abschlussgottesdienst teilgenommen haben. In Belarus gab es ein Live-Stream von der Veranstaltung.
Bei seinem Treffen mit Graham am 15. Mai griff der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko indirekt die traditionelle orthodoxe These, dass Protestanten Sektanten seien, an. Er bezeichnete evangelische Gläubige als die „Allerbesten“ aller Bürger und verwies dabei auf einen namentlich nicht genannten baptistischen Bauern, der in den 70er Jahren unter seiner Führung in der Region Mogiljow gearbeitet hatte. Dieser mittlerweile betagte Bauer heißt Wladimir Malinowski. Der belarussische Präsident erwähnte nebenbei, dass der Landwirt einen Sohn habe, der in den USA lebt. Eine offizielle Pressemitteilung der Regierung zitierte Lukaschenko im Titel: „Die interkonfessionelle Welt ist ein belarussisches Markenzeichen“. Lukaschenko fügte hinzu: „Wir sind stolz auf den interkonfessionellen Frieden, der in Belarus herrscht“, und wies darauf hin, dass es in seinem Land 850 protestantische Gemeinden, 20 Missionsgesellschaften und fünf Bildungseinrichtungen gibt.
In diesem Fall hielt sich Franklin Graham strikt an die in Römer 13 geforderte Loyalität. Während des Eröffnungsgottesdienstes ließ er den Teilnehmern mehrere Minuten Zeit, um laut für Lukaschenko und den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu beten. In seiner Predigt an dem Abend lobte Graham die belarussische Gesellschaft ausdrücklich und hob deren Sauberkeit und Ordnung hervor.
Teilweise aufgrund ihrer historischen Abneigung gegen Beziehungen zum Staat stehen die örtlichen Protestanten der engen Zusammenarbeit zwischen Franklins „Billy Graham Evangelistic Association“ (BGEA) und der belarussischen Regierung skeptisch gegenüber. Dennoch waren sie begeistert von der konfessionsübergreifenden Zusammenarbeit, die während der Vorbereitungen für die Veranstaltung zustande kam. Der 1.300-köpfige Massenchor deckte das gesamte Spektrum des belarussischen Protestantismus ab. Orthodoxe und römisch-katholische Geistliche fielen jedoch durch ihre Abwesenheit auf. Ursprüngliche Bemühungen im Jahr 2018, ein „Festival der Hoffnung“ zu veranstalten, waren unter anderem aufgrund interner protestantischer Spannungen gescheitert.
Die Protestanten waren dankbar, dass ihre westlichen Freunde sie nicht vergessen hatten. Während eines Sonntagsgottesdienstes in Minsk bedankte sich ein Pastor der baptistischen Gemeinde „Licht der Wahrheit“ bei den nordamerikanischen Protestanten. Ihnen waren die belarussischen Glaubensbrüder wichtig genug gewesen, um das Festival zu finanzieren.
Bei dem Treffen mit Graham am 15.5. hatte Lukaschenko darauf hingewiesen, dass zwei Drittel der humanitären Hilfe, die Belarus im Jahr 2025 erhielt, aus den Vereinigten Staaten stammte. Ein Großteil davon stammte offenbar von der Organisation „Samaritan’s Purse“ der BGEA. Trotz der allgemeinen Forderungen nach Sanktionen versicherte der belarussische Präsident, dass „die Amerikaner großartige Arbeit leisten“.
Obwohl mehrere russische Führungskräfte wie Peter Mitskewitsch von der Baptistenunion und der norwegische Pfingstler Matts-Ola Ishoel, der Leiter der größten protestantischen Gemeinde Moskaus, anwesend waren, erschienen keine Delegationen aus der Ukraine oder dem Westen. Die westliche journalistische Präsenz beschränkte sich auf meine Wenigkeit, obwohl ich aufgrund meines russischen Passes und Wohnsitzes nur als halbwestlich gelte. Ich nehme an, es war vor allem Rücksichtnahme auf evangelikale Befindlichkeiten in Kiew, die westeuropäische Reporter von diesem bedeutenden kirchlichen Ereignis fernhielt.
Eine westliche Mission außer der BGEA war jedoch anwesend: Die in Cumming/Georgia, ansässige „Byelorussian Mission“ brachte eine fünfköpfige Delegation mit. Ihr Leiter, der belarussisch-amerikanische Andrew Ryzhkov, schwärmte in einem Privatgespräch davon, dass Belarus zu einem Sprungbrett für die Mission in der gesamten ehemaligen Sowjetunion werden könnte. Er wies mit großer Wertschätzung darauf hin, dass der ranghöchste belarussische Diplomat in den USA, der in Washington ansässige Geschäftsträger Pavel Shidlovsky, vor wenigen Wochen die „Calvary Russian Baptist Church“ in Cumming besucht hatte. Ryzhkov lobte die Herzlichkeit der belarussischen Behörden, sogar derjenigen an der Grenze.
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Die Sicherheitsvorkehrungen beim Festival waren extrem streng. Nachdem ich mich vor dem Eröffnungsabend einige Minuten in der Nähe der Bühne aufgehalten hatte, sorgte ein Vertreter der BGEA dafür, dass mich die staatliche Sicherheit ein zweites Mal gründlich abtastete. Ich musste dem Vertreter sogar versprechen, nicht auf die Bühne zu stürmen. Dank meines fortgeschrittenen Alters war ich in der Lage, dieses Versprechen sowohl abzugeben als auch einzuhalten. Obwohl ich nicht darum gebeten hatte, wurde mir versichert, dass ich keinen Zugang zu Rev. Graham erhalten würde.
In der einstigen DDR war die Lage viel entspannter. Als Billy Graham (1918–2018) im Oktober 1982 dort predigte, erhielten wir Journalisten angemessenen Zugang und durften dem Evangelisten bei Pressekonferenzen Fragen stellen. Diese Veranstaltung hingegen war nicht darauf ausgelegt, die Medien willkommen zu heißen. Doch nun herrscht Krieg direkt neben Belarus und eine große Wolke westeuropäischer Politiker verkündet, es nicht hinnehmen zu dürfen, dass das nuklearbewaffnete Russland gewinnt. Die BGEA war verständlicherweise nervös.
Dieses Festival war eher ein Konzert als eine Predigt: Erst nach 80 Minuten Musik trat Franklin Graham beim Abschlussgottesdienst relativ kurz in Erscheinung. Der Inhalt von BGEA-Veranstaltungen ist selten berichtenswert. Von großer Bedeutung ist jedoch die Tatsache, dass dieses Ereignis überhaupt stattfand.
Ich persönlich bin kein Fan von pompösen und teuren kirchlichen Veranstaltungen. Dennoch waren die belarussischen Gläubigen begeistert, dass man sich in Zeiten von Krieg und Not an sie erinnerte. Ich bin daher nicht in der Lage, dieses Empfinden zu kritisieren. Die Mehrheit der westlichen Evangelikalen mag der belarussischen Regierung kritisch gegenüberstehen, doch in diesem Lande herrscht Frieden. Eine solche Lage ist weitaus besser als die derzeitige Qual in der Ukraine.
Alexander Lukaschenko hat eine Geschichte der Vermittlung zwischen den Fronten, wobei er sowohl dem Osten als auch dem Westen entgegenkommt. Die BGEA hat eine ähnliche Politik der gemischten Signale verfolgt, des Tennisspielens auf beiden Seiten des Netzes. In seinem ursprünglich geheimen Memo an Präsident Richard Nixon vom 15. April 1969 hatte Billy Graham empfohlen, die Deiche Nordvietnams zu bombardieren. Das hätte das Leben von Millionen gefährdet. Dreiundzwanzig Jahre später, im April 1992, haben sich in Pjöngjang er und der nordkoreanische Führer Kim Il Sung praktisch umarmt.
Franklin Graham hat großen Mut bewiesen, indem er in einer Zeit großer Kriegshysterie in die Nicht-NATO-Welt gereist ist. Doch am 2. April hatte er in einem Gebet in Anwesenheit von Donald Trump den Angriff auf den Iran begrüßt. Graham hatte dabei behauptet, die Perser hegten einen uralten Hass auf die Juden, und verwies dabei auf den Amalekiter Haman im Buch Ester. Doch Kyros der Große, auch Kyros der Perser genannt, war ein wahrer Freund des jüdischen Volkes und zweifellos ein Perser – was Haman nicht war. Vielleicht ist Franklin Graham ein Fürsprecher sowohl für den Frieden als auch für den Krieg.
Ob die derzeitige belarussische Charmeoffensive Anlass zur Hoffnung oder zum Misstrauen gibt, hängt weitgehend davon ab, unter welchem ideologischen Überbau man lebt. Die Anhänger traditioneller Familienwerte befürworten in der Regel eher einen raschen Friedensvertrag als die liberale und „globalistische“ Mehrheit im Westen. Doch gibt es auch konservative Gegner einer raschen Aussöhnung mit dem Osten. Andreas Patz, ein deutsch-russischer Publizist und Pastor, der in der Nähe von Saarbrücken lebt, berichtete im Mai 2025, dass er mit einer Verhaftung rechnen müsse, sollte er an einem belarussischen Grenzübergang erscheinen.
Am 12. und 13. Mai tagte der Rat der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB) in Moskau und wählte Peter Mitskewitsch für eine dritte vierjährige Amtszeit wieder. Die weltweiten Baptisten hatten die Tagungen nicht vergessen und entsandten die Präsidenten sowohl der „Baptist World Alliance“ als auch der „European Baptist Federation“ nach Moskau. Doch ersterer ist der Jamaikaner Karl Johnson und letzterer der Libanese Charles Costa. Ein dritter offizieller baptistischer Besucher kam aus der Zentralafrikanischen Republik. Ein Aussiedler aus Deutschland war ebenfalls anwesend, doch sonstige Vertreter aus dem politischen Westen waren nirgends zu sehen.
Ist die Zusammensetzung der Delegation in Moskau ein Vorbote künftiger Entwicklungen, oder sind die Feierlichkeiten in Minsk auch eine mögliche, langfristige Option? War Minsk ein letzter Atemzug oder vielmehr ein Neustart (Reboot) des goldenen Vierteljahrhunderts der Ost-West-Kirchenbeziehungen, das 1990 begann?
Andrew Ryzhkov aus Georgien rechnet mit einer Rückkehr zum Alten. Wenn man jedoch YouTube-Experten wie John Mersheimer, Alexander Mercouris, Jeffrey Sachs und dem Norweger Glenn Diesen Glauben schenken darf, dann steht die Welt unmittel vor dem Eintreten einer neuen Weltordnung. Wenn ein Weltkrieg vermieden werden kann, dann ist das Beste, worauf man hoffen kann, dass Russland und seine Verbündeten einfach von einer Ost-West- zu einer Nord-Süd-Ausrichtung übergehen. Das stellen die BRICS-Staaten dar.
Haben die Protestanten im Nicht-NATO-Europa die Kraft und die Vorstellungskraft, sich neu auf eine Nord-Süd-Konfiguration auszurichten und ihre westlichen Kontakte durch chinesische, indische, südafrikanische und brasilianische zu ersetzen? Da russische und belarussische Protestanten mittlerweile die Hälfte ihrer Glaubensgenossen und Verwandten im Westen haben, wäre eine solche Umstellung schmerlich. (In der Ukraine sehen die Zahlen noch gravierender aus.) Die Stimmung in Moskau war letzte Woche alles andere als optimistisch. Die Abwanderung von guten Köpfen in den Westen hält an; ein Beobachter stellte fest, dass die Mitgliederzahl der RUECB im Laufe des letzten Jahrzehnts von 80.000 auf 65.000 gesunken ist. Mit solchen Zahlen ist die russischsprachige, evangelische Welt zu einer Art geteiltem Deutschland geworden.
Die Anpassung an eine völlig neue Situation wird denjenigen, die zu Hause geblieben sind, viel Nachdenken und Diskussion abverlangen. Dies setzt voraus, dass das „goldene Zeitalter“ vorbei ist, zumindest für die kommenden Jahrzehnte.
Dr.phil. William Yoder
Laduschkin, Kaliningrader Gebiet, 20. Mai 2026
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