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Wehrhaftigkeit oder eine wehrhafte Neutralität?

Eine Antwort auf das baptistische Blatt „Die Gemeinde“

 

L a d u s c h k i n -- Das Erstaunlichste an diesem Artikelsatz in der „Gemeinde“ vom 10. Mai 2026 ist die Selbstverständlichkeit mit der er das Grundnarrativ des nordatlantischen Systems übernimmt: Rußland ist der Aggressor, die Ukraine, das Opfer. Hier widersteht das Gute dem Bösen. Ganz als ob die Geschichte der Ukraine erst 2022 begonnen hätte.

 

Es war jedoch nicht Rußland, das sich wider die Absprachen von 1990-91 militärisch nach Westen ausdehnte. Diese Absprachen bezüglich der militärischen Neutralität Zentraleuropas bildeten das Fundament, auf dem Rußland die Wiedervereinigung Deutschlands zuließ. Viel später hat sich der Westen geweigert, Minsk II durchzuführen – siehe Äußerungen von Angela Merkel. Das war eine Vereinbarung im Februar 2015, die den gegenwärtigen Krieg hätte abwenden können.

 

Nach dem britischen Politologen Richard Sakwa wollten alle russischen Führer von Gorbatschow bis Putin Rußland dem politischen Westen anschließen. Am Beginn seiner Amtszeit bat Präsident Wladimir Putin zweimal um die Aufnahme in die NATO als gleichberechtigten Partner.

 

In den 90er Jahren hatten die USA aber anders entschieden: Die europäische Sicherheit sollte gegen Rußland und nicht gemeinsam mit ihm erzielt werden. Doch kluge Menschen behaupten: Sicherheit gebe es nur gemeinsam; sie lasse sich nicht einseitig gegen eine andere Partei durchsetzen. Zahlreiche politische Denker, von George Kennen und Henry Kissinger bis hin zu Zbigniew Brzezinski, prophezeiten vor und nach 2000, daß eine Aufnahme der Ukraine in die NATO zu einem Krieg mit Rußland führen würde. Diese gegensätzlichen Ansätze sind die Krux des heutigen Konflikts.

 

Großmächte haben es nicht gerne, wenn ihnen eine andere Großmacht „auf die Pelle rückt“ – siehe die weiterhin praktizierte Monroe-Doktrin der USA von 1823. Wie wäre es, wenn der Warschauer Pakt nach Mexiko einmarschiert wäre, den Staat geopolitisch im eigenen Sinne umgekrempelt und 40 Biolabors im Lande eingerichtet hätte? Ja, es waren 40 Labors, wolle man Victoria Nuland und Tulsi Gabbard Glauben schenken.

 

Warum aber nur bei der Ursache und dem Anfang des ausgeweiteten Krieges stehen bleiben? Wer wollte nach 2022 diesen Krieg fortsetzen? Sehr bekannt ist die Erzählung, daß der britische Premierminister Boris Johnson Anfang April 2022 bei Wolodimir Selenski erschien und ihm die Abmachung von Istanbul ausredete. Heute verfolgt das westliche Europa die Devise: Wir eskalieren, wir halten durch. Vielleicht bis die Demokratische Partei in den USA wieder an die Macht gelangt? Verhandlungen sind jedenfalls nicht in Sicht. Sicher: Beide Seiten wollen Frieden, er ist aber immer an Bedingungen geknüpft. Welches Bedingungshindernis ist eben höher?

 

Das gute Gewissen ist schließlich etwas Gemeingefährliches. Damit ließ sich in Japan Atombomben abwerfen und Vietnam mit Giftmitteln besprühen.

 

Sicherlich: Der russische Angriff von Februar 2022 war wider das Völkerrecht. Haben die USA seit dem Koreakrieg einen Krieg geführt, der dem Völkerrecht entsprochen hätte?  Wäre es deshalb nicht sehr parteilich, gerade diesen Angriff Rußlands hervorzukehren? Man sagt, Rußland hätte anders das westliche Vordringen nach Osten aufhalten können. Das möchte ich auch glauben. Aber wie? Wer könnte mich an dieser Stelle aufklären? Rußland hätte sich stärker bemühen können, in der Westukraine „hearts and minds“ zu gewinnen. Vielleicht sogar einen Gegen-Maidan veranstalten? Bei großen Staaten und Staatengemeinschaften zeigen Sanktionen wenig Wirkung. Bei der Suche nach Antworten könnte man mit dem Buch „Provoked“ (Provoziert) beginnen. Dieses Werk des US-Amerikaners Scott Horton hat 675 Seiten.

 

Humanitäres

In diesem Krieg mußte ich bedauerlicherweise neu erfahren, daß eine humanitäre Hilfe nicht politisch neutral zu sein braucht. Das ist sie im Kiew-kontrollierten Teil der Ukraine jedenfalls nicht. In seinem Leitartikel in dieser Nummer der „Gemeinde“ versichert der Engländer Joshua Searle, daß humanitäre Hilfe in der Kiewer-Ukraine zum Widerstandsarsenal (meine Formulierung) gehört.

 

Eine parteiliche humanitäre Hilfe kommt mir wie der Glaser vor, der nachts Schaufenster einwirft, damit ihm am morgen neue Aufträge ins Büro flattern. Man zerschlägt, um wieder  zusammenflicken zu können. Der Christ ist Zerstörer und Retter zugleich. Dieser Widerspruch läßt sich nur aufheben wenn die Hilfe überparteilich ist, wenn sie beiden Seiten zufließt.

 

Aus Furcht vor Protesten aus der Kiewer Ecke fühlen sich die Baptisten Rußlands gezwungen, ihre humanitäre Hilfe auf der anderen Seite konsequent unter einen Scheffel zu stellen. Über diesen wichtigen Liebesdienst gibt es keine öffentlichen Informationen. Dem vom Franklin Graham geleiteten Werk „Samaritan’s Purse“ ist hoch anzurechnen, daß es den Notleidenden auf beiden Seiten zu helfen versucht.

 

Die von Pastor Helge Frey in dieser Nummer erwähnte „Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche“ hat eine zwielichtige Vergangenheit. (Sie hat eine orthodoxe Liturgie, steht jedoch unter der Jurisdiktion des Vatikans.) Nach ihrem Einsatz für die faschistischen, antisowjetischen Kräfte im II. Weltkrieg zog sich diese Kirche größtenteils nach Kanada zurück. Dort konnte sie mit Literatur, Vereinen und Denkmälern den Traum von einer monokulturellen und selbständigen Ukraine am Leben erhalten. Schon am 1. Dezember 1989 kam es dann im Vatikan zur Wiederzulassung dieser Kirche. Sehr bald standen die Rückkehrer aus Kanada vor der Tür.

 

Auch in jenem Jahr hatte es erste Bestrebungen gegeben, die ukrainischen Baptistengemeinden in einer neuen, von Moskau unabhängigen Union zu sammeln. Wenige Jahre danach fanden sich Baptisten und Griechisch-Katholiken zueinander. Es war wohl die konsequent antirussische Ausrichtung, die diese beiden Kirchen inhaltlich-politisch zusammen­brachte.

 

Die russischen Protestanten sagen es nie laut, dafür sind sie viel zu diskret und umsichtig: Bei uns in Rußland haftet der Verdacht eines radikalen Nationalismus an den Protestanten der Ukrainer. Schon vor 2010 sicherten ukrainische Baptisten meiner Frau und mir zu, sie würden „bis zum Ende“ gegen Rußland kämpfen. Das hat uns erschüttert und geprägt. Ist der jetzige Haß der Kiew-Ukrainer auf Rußland Ursache oder Folge des jetzigen Krieges? Ich meine, er ist beides. Wichtiger ist jedoch die Aussage des ukrainischen Pfingstlers Peter Dudnik in Slawiansk am 1. April 2015: „Wenn du den Schmerz der Leute siehst, dann ist die Frage nach dem Schuldigen nicht mehr so wichtig. Dann gilt nur noch die Frage: Wie kann ich dieses Leiden abstellen?“

 

Man denkt an Eduard Grabowenko aus Perm/Ural. Er ist Ukrainer und leitender Bischof der großen, pfingstlerischen „Russischen Kirche der Christen evangelischen Glaubens“. Über die jetzige Krise leidet und schweigt er, jedenfalls öffentlich. So machen es eben fast alle unter den verbliebenen Protestanten Rußlands.

 

Über die nicht ganz freiwillige Flucht von Juri Sipko nach Deutschland im September 2023  waren die Baptisten Rußlands entsetzt. Doch öffentlich brachten sie keinerlei Kritik über die Lippen. Das „gehört sich eben nicht“ unter den Gläubigen. Sipko war von 2002 bis 2010 Präsident der Russischen Union der Baptisten; seine langjährigen pro-ukrainischen Äußerungen danach hatten ihn in Schwierigkeiten gebracht. Am 28. Mai 2026 hieß es dann bei „RIA-Nowosti“, daß Juri Sipko in die staatliche Liste der „Terroristen und Extremisten“ aufgenommen worden sei. Der Geflohene hat weiterhin Familienglieder in Rußland, die geistlichen Aufgaben nachgehen.

 

Wie kam es, daß eine global firmierende Glaubensgemeinschaft wie die baptistische, sich auf eine enge, nordatlantische Sichtweise beschränken konnte? Davon zeugt auch diese Nummer der „Gemeinde“. Das geht nur wenn Scheuklappen mit im Spiel sind. Im Januar 2026 waren es 3.000 Menschen aus 130 Staaten, die sich in Davos/Schweiz zum „World Economic Forum“ trafen. Zum „International Economic Forum“ in Sankt Petersburg fünf Monate später versammelten sich 24.500 Personen aus 142 Staaten. Im selben Monat, Juni 2026, fand eine große ASEAN-Konferenz in Kasan statt. Nach Süden hin stehen den Russen nahezu alle Grenzen offen.

 

Klaus von Dohnanyi 

In diesem Aufsatz gehe ich auf eine Diskussion über das Für und Wider des Pazifismus nicht ein. Am 9. Juni 2026 hielten Klaus von Dohnanyi (ein Neffe von Dietrich Bonhoeffer) und der Brigadegeneral i.R. Erich Vad ein hörenswertes Gespräch mit der schweizerischen „Weltwoche“ (siehe „Youtube“). Das Fazit dieser beiden Nichtpazifisten: Eine „wehrhafte Neutralität“ nach Schweitzer Vorbild könnte am ehesten den Frieden Deutschlands und Westeuropas sichern. Ist das jedoch realistisch? Schon bei Konrad Adenauer hieß es: „Lieber das halbe Deutschland ganz, als das ganze Deutschland halb.“ Diese Haltung gilt noch immer im politischen Westen.

 

Dr.phil. William Yoder 

Laduschkin, Kaliningrader Gebiet, 22. Juni 2026 

Webseite: „wyoder.de“

 

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